How to survive in the Arctic

Eisfischen, Schneehütte bauen, Feuer machen: Wir können jetzt alles – das Überleben in der nordischen Wildnis ist also gesichert. Nun ja: Rein theoretisch zumindest.

Tag 2. Der erste richtige Tag in Vasatokka, an dem wir vorbereitet werden sollen auf die Wildnis, die Kälte, die Natur. Schon der Blick beim Frühstück aus dem Fenster war gigantisch. Hier würde der Begriff Weite wohl ganz gut zutreffen. Über den zugefrorenen See direkt vor dem Haus (der riesig sein musste) über die entfernten Waldgebiete bis zu Hügeln in weiter Entfernung. Hier gab es weit und breit nicht mehr.

Wir müssen uns also selbst helfen im Ernstfall. Also, ab zum Eisfischen. Raus auf die riesige weiße Fläche, die sich „See“ nennt. Man erkennt ihn erst, wenn man ein Loch gebohrt hat und das Wasser sprudelt. Hier laufen Menschen, fahren mit dem Schlitten und den Skiern, sogar das Schneemobil fährt über den zugefrorenen See. Eine Einheimische nimmt uns mit und erzählt, dass die Finnen manchmal stundenlang am See stehen, bis ein Fisch anbeißt, und so total entspannen. Ich würde wohl eher erfrieren, denn entspannen. Auf dem Eis werden die Füße trotz doppelter Socken schnell kalt.

Zuerst zeigt sie uns, wie man mit dem großen Bohrer ein Loch in die mindestens zehn Zentimeter dicke Eisschicht bohrt. Nur nicht nachlassen, stelle ich später fest. Wer beim Drehen einmal eine Pause macht, hat verloren. Wenn man es geschafft hat, sprudelt das frische Wasser von unten hoch. Die restlichen Eisstücke abschöpfen, dann kann es losgehen. Die neongrüne Plastikangel sieht eher aus wie ein Spielzeug, inklusive rotem Gummiwurm am Ende. Der Haken hat übrigens keinen extra Spike, an dem sich der Fisch mit dem Maul verfangen kann. Gut für den Fisch, den keiner will. Die Schnur ins Wasser und abwickeln, bis keine Spannung mehr auf ihr ist.

Ziemlich klein, das Loch zum Eisfischen.
Ziemlich klein, das Loch zum Eisfischen. Foto: vk

Alle zehn Sekunden etwa sollen wir einmal ziehen an der Schnur. Ich frage mich, ob das die richtige Taktik ist. Denn da tut sich gar nichts. Nach ein paar Minuten hat einer aus der Gruppe einen Fisch am Haken. Bei mir und den anderen in meinem Halbkreis noch kein Erfolg (wie auch immer man Erfolg interpretiert). Dann ein zweiter Fisch an der Angel! Natürlich wieder nicht bei mir.

Die Erste aus meiner Gruppe hat sogar schon den Bohrer neu angesetzt, an einer komplett neuen Stelle. Gar nicht dumm. Würde ich mir als Fisch auch denken, dass da was nicht stimmt, wenn plötzlich zehn Würmer vor meiner Nase herumtanzen. Also ab zum nächsten Loch. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Das Gute an der Sache: Kein Fisch muss wegen mir sterben. Oder einen Herzinfarkt erleiden vom Aufgespießt und ins Wasser zurückgeworfen werden.

Die beiden Fische, die dran glauben mussten, wurden gleich mitgenommen. Unsere nächste Aufgabe war es, ein Feuer zu machen. Ich fühlte mich wie im Dschungelcamp, nur dass wir sehr viel anhatten statt ganz wenig. Nach den Kameras suchte ich noch. Kleine Holzscheitel kann man gut teilen, indem man mit dem Messer oben andrückt und einen zweiten Holzscheitel nimmt, um mit ihm das Messer herunterzudrücken. Ganz easy? Kommt auf das Holz an. Das meiste Holz verhält sich wie die Fische: Da regt sich gar nichts. Überleben – Stand jetzt – eher mäßig gesichert.

Holzspäne sind wichtig, um das Feuer am Anfang entfachen zu können. Man kann sie (Achtung: ganz einfach!) vom unteren Ende des Holzscheitels abschaben. Meine aus Norwegen stammende Roommate weiß außerdem: Dünne Baumrinde brennt gut. Wir bildeten ein Häufchen. Die dicken Scheitel außen herum, innen die dünnen Späne und die Rinde, mit viel Luft dazwischen, damit sich das Feuer ausbreiten konnte.

Dafür musste es sich aber erstmal entfachen. Mit dem Brennstab (auch Feuerstarter) gar nicht so einfach. Er enthält eine Magnesiumlegierung und wirft so besonders leicht Funken, wenn man mit dem Messer entlang fährt. Es fühlte sich an, als würde ich ein paar Silvesterkracher zünden – aber nur die kleinen kindgerechten. Von einer Flamme war ich weit entfernt. Zwei, drei Leute bekamen nach reichlich Versuchen (und vermutlich Muskelkater im Arm am nächsten Tag) das Feuer zum Brennen. Wow.

Na gut. Essen kann ich nicht besorgen, warm habe ich es auch nicht. Aber vielleicht ja wenigstens ein Dach über dem Kopf. Ab zum Schneehüttenbauen!

Es sind tatsächlich keine Iglus, sondern kleine Schneenester, die sich die Finnen im Winter bauen, um darin nach einer Tagestour zu übernachten. Iglus bestehen aus aneinandergereihten Eisklötzen. Die finnischen Hütten bestehen aus zusammengepresstem Schnee, der ausgehöhlt wird. Klingt fancy? Ist es. Fast wie im Dschungelcamp eben.

Nachdem wir einen riesigen Berg Schnee mit Schaufeln und Schubkarren aufgetürmt und platt gedrückt haben (nimmt man die Schaufeln mit auf die Wanderung?), dürfen wir uns einen anderen Schneeberg zum Bearbeiten aussuchen. Die Hügel müssen nämlich erst einmal fest frieren, damit sie stabil sind. Wir haben orangefarbene kleine Rohre bekommen, die etwa eine Länge von 20 Zentimetern haben, und stecken sie ringsherum gerade in den Hügel hinein. So können wir beim Aushöhlen von innen wissen, wann wir die richtige Wandbreite erreicht haben. Ganz schön clever.

Dann geht es mit der kleinen Schaufel los: Wir zeichnen einen Eingang vor: vom Boden im Halbkreis zum anderen Ende, so groß, dass mehrere Menschen hineinkriechen können. Die ersten Schaufeln sind gut erkenn- und kalkulierbar. Bis wir beim Buddeln auf etwas Hartes stoßen, das mit jedem Schaufelhieb Schnee, das wir entfernt, besser sichtbar wurde: Na toll, ein großer fetter Stein genau in unserem Eingangsbereich. Wieder zugraben lohnte sich nicht mehr. Da mussten wir jetzt durch. Oder drüber, war ja der Eingang.

In die Hütte kriechen und Schnee herausschippen: So baut man eine Schneehütte. Foto: vk

Mit einer etwas größeren Schaufel schippte ich haufenweise Schnee aus dem Eingangsbereich, gleichzeitig blies er mir heftig ins Gesicht. Wir erzielten jedoch schnell Fortschritte. Die Höhle im Inneren lichtete sich schneller als gedacht. Jeder von uns war mal an der Reihe. Zwar war ich im Inneren dieses Schneeberges der Klaustrophobie nahe, und ich fühlte mich, als würde ich mein eigenes Grab buddeln. Doch es machte auch einfach riesigen Spaß, seine eigene Hütte zu bauen.

Nach rund einer Stunde waren wir fertig: Wir sahen die Enden der orangefarbenen Röhrchen von ihnen und hatten einen ebenen Boden ausgekratzt. Dann der Moment der Wahrheit: Passt die ganze Gruppe in die Hütte?

Einer nach dem anderen legte sich, mit den Füßen zuerst hin und krabbelte in die Hütte – doch schon nach mir, Nummer drei, war Schluss. Zu dritt hingen wir mit herausgestrecktem Oberkörper aus der Hütte heraus. Sah wohl ziemlich dämlich aus, aber wir waren happy. Zwar würde ich in der Wildnis wohl immer noch nicht überleben, aber ich hatte mein Bestes gegeben. Mit ein bisschen mehr Übung… fürs Dschungelcamp würde es wohl reichen.


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