Ein Trip ans Ende der Welt, oder besser noch: in eine andere Welt. Für fünf Tage bin ich in Lappland, das hier ist der Versuch einer Konstruktion, Tag für Tag. Ein Versuch, denn es war und ist viel los.
Tag 1. Wann genau der anfing, kann ich nicht genau sagen. Wir sind Sonntagabend aus Helsinki zu einer schier unendlichen Busfahrt gestartet. Einmal von Süden nach Norden – und das ist nicht vergleichbar mit einer Fahrt von Hamburg nach München. Nach 14 Stunden Fahrt waren wir in Rovaniemi, der Stadt des Weihnachtsmanns. Immerhin schon am Polarkreis, was ein bisschen surreal war, da wir Plusgrade und Sonnenschein hatten. Auch die Weihnachtsmusik im Santa Claus Village passte nicht ganz zur Stimmung. Aber hey: Hier ist das ganze Jahr über Weihnachten.
Alle Briefe an den Weihnachtsmann sollen (angeblich? Wer weiß das schon…) hier ankommen, ein ganzes Dorf hat sich einem Tag im Jahr verschrieben. Crazy Vorstellung, die mit der Realität nur halb in Einklang kommt. Das Dorf besteht aus verschiedenen Hütten, Plätzen, Gärten, von denen die meisten Eintritt kosten, zum Beispiel der Besuch der Husky Farm, eine Tour mit einem Rentierschlitten (mit eher unglücklich aussehenden Rentieren) und der Besuch bei Mrs. Santa Claus. In der größten Hütte, die ein Schneemann hütet, kann man Santa besuchen und ein Foto mit ihm machen (kostet natürlich Geld). Wir haben auf Santa verzichtet und bewahren uns die Vorstellung.
Weiter geht’s nach Vasatokka. Noch einmal fast fünf Stunden Busfahrt durch einen unendlich langen Wald. Überhaupt besteht Finnland im Winter fast ausschließlich aus Schnee und Wald. Und Rentieren im Schneewald, wie wir an Tag 3 herausgefunden haben. Vasatokka liegt im Nirgendwo, ein paar Kilometer entfernt von Inari, einem größeren Dorf im Norden Lapplands. Mitten im finsteren Nadelwald tauchen ein paar Häuser auf – wir sind da.
Die Hütten gehören alle zum Vasatokka Ressort. Genau überblickt habe ich es noch nicht, wie viele Menschen hier sind. Die Dorms (Schlafräume?) und Gemeinschaftsräume sind für Reisegruppen hier, die Menschen, die hier auf dem Anwesen leben, leben davon, anderen ihre kleine magische Welt zu zeigen. Auf Komfort und Schönheit legen sie nicht so großen Wert. Heißt konkret: Vierbettzimmer à acht Quadratmeter mit Hochbetten, je eine weibliche und männliche Toilette für den kompletten Flur, also rund 20 Leute, zwei Duschen, eine Küche. Have fun.
Den haben wir. Denn die Zeit hier ist so unglaublich, da nehme ich es in Kauf, in einem harten (Hoch-)Bett zu schlafen und ständig Angst zu haben, nachts die Treppe runterzufallen und mir ein Bein zu brechen. Übrigens: Das nächste Krankenhaus ist in Rovaniemi, 350 Kilometer entfernt.
Obwohl wir alle aussahen, als wären wir von dem Bus, in dem wir einen ganzen Tag verbracht haben, überfahren worden, blieben wir wach. Für Aurora! Die Polarlichter kann man in Vasatokka besonders gut sehen, man muss nur weit genug entfernt von allem, was leuchtet. Also weg von den Häusern, ab auf den See (der natürlich zugefroren ist).
Ab in die Dunkelheit. Obwohl: So dunkel war der Himmel nicht. Die Sterne bildeten ein Meer aus heller und dunkler leuchtenden Punkten, über sie legte sich ein Wolkenschleier. Helle weiße und graue Wolken, die sich bewegen. Oder warte: Sind das Polarlichter? Eine meiner „Mitbewohnerinnen“ kommt aus Norwegen und studiert sogar noch Environmental Science. Mit krassen Naturphänomenen kennt sie sich aus. Sie bestätigt: Das sind Polarlichter! Sie bewegen sich schneller als Wolken und haben feinere Formen, Streifen, leuchten intensiver. Für mich sahen sie aus wie ein Patronus, der mich vor den Dementoren beschützt und sich in jedem Moment in einen Fuchs verwandeln würde.
Durch die Kamera bekamen wir Gewissheit: Aus den weißen Streifen wurden leuchtend grüne Streifen. Das waren Polarlichter! Aurora ist hier! Wow. Plötzlich wurde auch klar, wie sie den Himmel schmücken, ihre Form ändern, verschwinden. Ein einziges Spektakel, das magisch war.
Manchmal können Polarlichter auch mit bloßem Auge grün leuchten, oft werden die intensiven Farben aber erst durch die Kamera möglich gemacht. Die Kamera meines Smartphones schaffte das übrigens wesentlich besser als die Systemkamera. Ich werde es nochmal probieren, mit langer Belichtungszeit und Stativ. Drückt die Daumen!
Und bitte entschuldigt: Die Internetverbindung ist so mies in Vasatokka. Es hat mich so lange gebraucht, ein Beitragsbild hochzuladen. Weitere Bilder folgen, wenn ich stabiles Internet habe 😉
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