Direkt nach unserer Wanderung zu Machu Picchu haben wir uns in den Regenwald aufgemacht – und überraschend viele Tiere gesehen. Bei schwülheißem Wetter beobachteten wir Äffchen, Aras und Vogelspinnen – und versuchten vor allem, die abertausenden Moskitos abzuwehren.
Dass aus unserer Reise nach Iquitos, dem bekanntesten Startpunkt für eine Amazonas-Tour, nichts werden würde, wussten wir, als wir ein paar Tage vorher die Flugpreise checkten. Über 300 Euro würden der Flug und ein Weiterflug nach Lima kosten. Das war uns zu viel, deshalb suchten wir nach Alternativen. Am selben Tag, an dem wir Machu Picchu besichtigt hatten, holten wir abends in Cusco Angebote für Amazonas-Touren ein. Obwohl ich an diesem Tag vor lauter Müdigkeit nicht mehr zurechnungsfähig war, entschieden wir uns am Ende für die Tour in Tambopata (statt Manu) und ich fuhr schon am nächsten Morgen mit einem Colectivo nach Puerto Maldonado, der Hauptstadt der Provinz Madre de Dios im Südosten Perus.
Als ich aus dem Colectivo ausstieg, lief ich erst einmal gegen eine Wand, eine schwülheiße Tropenwand. Dieses Wetter war ich nicht mehr gewöhnt! Ich fühlte mich sofort an die Iguazu-Wasserfälle zurückerinnert, hier war das Wetter ähnlich. Meine Sportleggins klebten sofort fürchterlich und ich rätselte, wie ich auf die Idee gekommen war, meine Winterjacke einzupacken. Nicole hatte den Nachtbus genommen und saß am nächsten Morgen schon in jenem Bus, der mich im Hostel einsammelte. Wir hatten eine Tour mit drei Tagen und zwei Nächten gebucht, beide Nächte würden wir in derselben Lodge verbringen. Sämtliche Mahlzeiten und Touren waren einberechnet.
Wir fuhren mit einem Motorboot etwa eine Stunde zu unserer Lodge, der Monte Amazonico Lodge, die mitten im Wald lag. Es war ein großes Ressort mit vielen Hütten für viele Menschen, inklusive Pool und Ess- und Aufenthaltsbereich. Alles war simpel in Holz gehalten, aber wir fühlten uns trotzdem gleich wie im Urlaub. Unsere Gruppe bestand aus neun Leuten: einem Pärchen aus Frankreich, einem noch sehr jungen Pärchen aus Dänemark, einem Pärchen aus Tübingen, uns beiden und unserem Guide Luis. Die Paare waren alle sehr verschmust, das nervte unsere Guide, glaube ich, ein bisschen. Ich fand es sehr amüsant und interessant.
Der erste Tag diente im Nachhinein eher dazu, den Dschungel kennenzulernen. Wir liefen eine Runde durch den Wald hinter der Lodge, dabei erklärte uns unser Guide, welche Bäume wir sahen, welche Tiere wo lebten, welche Spuren wir sahen und so weiter. Auf einer Affeninsel hielten wir nach den Primaten Ausschau, die auf der Insel lebten, doch wir sahen keinen einzigen. Hinterher sagte uns unser Guide beiläufig, dass auf dieser Insel wohl auch nur wenige von ihnen lebten, wir aber noch andere Möglichkeiten haben würden, sie zu sehen. Am Abend, in der Dunkelheit, fuhren wir mit dem Boot noch einmal heraus, um nach Kaimanen Ausschau zu halten. Als ich schon nicht mehr daran geglaubt hatte, dass wir welche sahen, leuchtete unser Guide tatsächlich auf einen: einen kleinen weißen Kaiman, der sich im Gestrüpp versteckt hatte.

Unser Guide Luis hat mit uns alle Touren unternommen, er macht den Job schon seit 20 Jahren und ist als Kind in der Nähe auf einer Farm aufgewachsen. Mich erstaunt trotzdem, welches Gespür er für die Natur und die Tiere hat. Er weiß, wie sie sich bewegen, hört leiseste Geräusche und spürt sie tief im Gebüsch auf. Am besten hat mir unsere Tour zum Lake Sandoval gefallen, für die wir um halb fünf morgens aufstehen mussten. Den See erreicht man nur durch eine drei Kilometer lange Wanderung. Sie allein war schon ein Highlight. Wir sahen kleine Kapuzineräffchen von Baum zu Baum hangeln und Aras, wie sie sich hoch oben in den Baumkronen unterhalten. Aras sind immer in Paaren oder Familien unterwegs und sie leben monogam. Sie haben einen Partner fürs Leben.
Der See war so früh am Morgen magisch, als wir anfangs durch das Dickicht fuhren fast ein wenig mystisch. Luis, unser Guide, paddelte ganz ruhig immer am Ufer entlang, um nach Tieren Ausschau zu halten. Wir sahen verschiedene Äffchen durch die Baumkronen und über die Äste am Ufer klettern, wir sahen eine Menge verschiedener Vögel, darunter den Stinkevogel namens Hoatzin, der eine auffallende Irokesenfrisur besitzt und nur sehr schwerfällig fliegt. Wenn er sich angegriffen fühlt, stößt er ein Sekret aus, das fürchterlich stinkt. Wir sahen Piranhas aus dem Wasser schnellen, als unser Guide Brot ins Wasser warf. Und wir sahen einen schwarzen, ausgewachsenen Kaiman, der immer wieder aus dem Wasser schaute. Das war besonders spannend, weil er gar nicht so einfach zu entdecken war. Am Anfang dachte ich einfach, das sei ein Stück Holz, das aus dem Wasser schaut.

Den Nachmittag hatten wir frei, doch als ich gerade telefonieren wollte, kam unser Guide hektisch zu uns und sagte, ein paar Capybaras seien am Ufer gesehen worden, er würde gleich hinfahren um zu schauen. Als hüpften wir ins Motorboot und fuhren das Steilufer entlang. Wir hatten schon zuvor gehofft, welche zu sehen, auch, wenn ich – um ehrlich zu sein – erst wenige Tage zuvor erfahren hatte, was Capybaras überhaupt sind. Capybaras sind Wasserschweine aus der Familie der Nagetiere, ziemlich groß sogar und mit Schwimmhäuten zwischen den Zehen. Durch einen TikTok-Hype weiß aktuell jeder Teenie wohl besser, was ein Capybara ist als ich. Wir sahen leider keine, das war sehr schade.
Später ging es zu einer Nachtwanderung, mein zweites Highlight der Dschungeltour. Sie fing mit einem Schock für mich an, denn kaum waren wir ein paar Meter durch die Dunkelheit gegangen, blieb unser Guide an einem Baum stehen und sagte, dass wir uns wachsam durch den Wald gehen sollte, man könne überall Tiere sehen. Dann leuchtete er mit seiner Taschenlampe sehr abrupt nach oben und genau auf eine Vogelspinne. „Tarantulas“, sagte er, „are everywhere here.“ Ich erschrak wohl so sehr, dass es die gesamte Gruppe hörte, das sagte zumindest Nicole hinterher. Die Spinne saß seelenruhig auf halber Höhe gut sichtbar auf dem Stamm. Später sahen wir noch ein paar weitere, ich war erschrocken, wie viele es hier gab – und musste sofort daran denken, wie einfach sie in unser Zimmer krabbeln könnten.

Nach dem ersten Schock war die Nachtwanderung total interessant. Ich habe erst gestern gelesen, dass etwa 60 Prozent aller Säugetiere nachtaktiv sind – dort im Wald haben wir das gesehen und gehört. Und dort leben ja so viel mehr Tiere als nur Säugetiere! Wir haben Frösche, Opossums, schlafende Vögel, Heuschrecken, unter der Erde lebende Vogelspinnen, noch mehr Spinnen (sie bauen nachts ihr Netz) und wieder Affen gesehen. Das war ein Erlebnis! Rundumdieuhr-aktiv zeigten sich übrigens die Moskitos, die mich auf jeder Wanderung nervten, aber an diesem Abend ganz besonders. Während alle anderen interessiert ins Gebüsch schauten, auf der Suche nach Tieren, schlug ich wie wild um mich – und schaute danach ins Gebüsch. Auch wenn es mir nicht so vorkam: Den anderen ging es genauso. Die Französin jammerte über ihre verstochenen Beine und Nicole sprühte sich das Insektenschutzmittel sogar auf ihre Klamotten. Erst nach der Wanderung gab es Abendessen und ganz schön fertig von diesem Tag schliefen wir wieder einmal sehr früh ein.
Der nächste Tag bot uns wenig Action: Um sechs Uhr morgens war die Wanderung in der Baumkrone angesagt. Wir liefen auf einer Hängebrücke, von der aus wir in die Baumkronen des umliegenden Waldes schauen konnten. Wir sahen aber leider weder Vögel noch Affen. Unser Guide sagte einmal mehr, was er uns auch schon in den vergangenen Tagen vermitteln wollte: In der Natur gibt es keine Garantie, Tiere zu sehen, die gibt es nur im Zoo. Jeder Tag ist anders.
Nach dem Frühstück (es gab viel tolles Obst!) verabschiedeten wir uns von den anderen und fuhren den Fluss entlang wieder zurück nach Puerto Maldonado. An diesem Tag würden Nicole und ich uns nämlich voneinander verabschieden: Sie flog nach Lima und dann weiter nach Huaraz, ich fuhr mit dem Bus zurück nach Cusco.
Ach, und wenn ihr den Blog gern abonnieren wollt, könnt ihr das hier unten, unter dem Beitrag, immer noch gern tun:) Auch nach der Reise werde ich ein bisschen was weiterhin veröffentlichen.
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