Lässiges La Paz

Unsere Gruppe auf der Deathroad: Mit dem Mountainbike ging es 55km bergab. (Foto: unbekannt)

Nach einer Woche verlassen wir die größte Stadt Boliviens wieder. Es ist zwar nicht die schönste, aber die vielleicht spannendste Stadt des Landes. Und sie bietet einiges an Abenteuern, etwa Mountainbiken auf der Todesstraße, eine Lagune auf 5000 Metern und Cholita-Wrestling.

Eine Woche lang waren wir in La Paz, der größten Stadt Boliviens, aber nicht der Hauptstadt. Das wissen wir jetzt: Die Hauptstadt ist das viel kleinere (und abgelegenere) Sucre, der Verwaltungssitz ist aber in La Paz. Muss man auch nicht verstehen. In jeglicher Hinsicht ist die Stadt verwirrend, zum Beispiel durch ein riesiges Gefängnis mitten im Zentrum, das größte Netz an Seilbahnen durch eine Stadt und durch Hexen, die als Opfergaben Lama-Embyros verbrennen. Es ist wirklich wild hier.

Zwar ist La Paz tatsächlich interessant, spannend und weit weniger hässlich, als viele Menschen vor unserer Ankunft gesagt haben, die eigentlichen Juwelen liegen aber außerhalb der Stadt. Rund um die Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt haben wir eine Menge Ausflüge unternommen. Darum soll es hier und heute gehen.

Die Seilbahn führt von La Paz nach El Alto. Fassaden haben die Häuser übrigens keine, weil das zusätzliche Steuern bedeuten würde. (Foto: vku)
Die Seilbahn führt von La Paz nach El Alto. Fassaden haben die Häuser übrigens keine, weil das zusätzliche Steuern bedeuten würde. (Foto: vku)

Death Road: Eine der bekanntesten Mountainbike-Strecken Südamerikas, vielleicht sogar der Welt. Die Ruta de la Muerte führt von La Paz nach Caranavi, von 4670 Metern Höhe auf rund 1800 Metern in den Amazonas. 55 Kilometer davon sind die übliche Route für Mountainbike-Touren. Die ersten 20 Kilometer sind wir auf der neuen Verbindungsstraße gefahren, die 2007 eröffnet wurde. Dabei konnten wir uns an unser Fahrrad (und den Vollvisier-Helm) gewöhnen und schnell fahren. Das ging dann auf der eigentlichen Death Road nicht mehr so richtig.

Die Straße wird deshalb als Todesstraße bezeichnet, weil es bis 2007 (bis die neue Straße eröffnet wurde) regelmäßig zu schweren Unfällen kam. Einmal, 1983, ist ein voller Bus den Hang hinuntergestürzt und 100 Menschen starben. Die Straße ist recht schmal, an einer Seite geht es – meist ohne Leitplanken oder andere Befestigungen – den Abhang hinunter. Generell kann man eher von einer Schotterpiste als von einer Straße sprechen. Die Steine sind teils richtig groß, es gibt Gräben, Wasserfälle, die auf der Straße enden und zahlreiche Kurven. Aber: Fürs Mountainbiken ist die Straße wirklich toll. Das sage sogar ich, die nun wirklich kein Downhill-Spezialist ist.

Ich war zwar langsamer als die meisten anderen in unserer Gruppe, hatte aber großen Spaß am Fahren. Vielleicht, weil ich mir die Straße viel schlimmer vorgestellt hatte? Wirklich gefährlich kam sie mir für Radfahrer nicht vor, obwohl selbst unser Guide von ein, zwei gefährlichen Passagen sprach. Ich hielt mich einfach an seine Vorgaben: nicht in der Nähe des Abgrunds fahren, immer beide Hände am Lenker lassen und nicht zu langsam fahren. Je langsamer man fährt, desto größer ist nämlich die Wahrscheinlichkeit, dass man das Gleichgewicht verliert. Bizarr, oder?

Genauso erstaunlich ist der Wetterumschwung von eisig kalt in der Höhe nach tropisch warm unten im Amazonas. Wir wurden die komplette Tour über von unseren beiden Tourguides und einem Fahrer im Van begleitet. Deshalb war es leicht, bei einer Pause eine Schicht Klamotten auszuziehen oder etwas zu trinken. Trotz aller positiver Euphorie haben mir am Ende ganz schön die Unterarme wehgetan. Die Armprotektoren waren nämlich zu groß und haben während der Holperpiste ständig gegen meine Unterarme geschlagen. Naja, so lange es nur das ist.

Fast am Ende angekommen: Bei diesem Schild waren es noch etwa zehn Kilometer zu fahren. Die Landschaft sieht auch schon sehr tropisch aus. (Foto: unser Tourguide)

Valle de las Animas: Nach einem enttäuschenden Ausflug ins Valle de la Luna am Freitag, sind wir am Samstag Nachmittag mit einer Tour ins Valle de las Animas gefahren – und das hat sich so viel mehr gelohnt! Das Valle de las Animas ist ein Tal mit beeindruckenden, spitzen, errodierten Gesteinsformationen. Es erinnert an Stalagtiten und Gletscherformationen, könnte vor vielen vielen Jahren auch so entstanden sein. Das Valle de las Animas liegt auf knapp 4000 Metern Höhe und ist für die Bolivianer ein heiliger Ort. Viele Menschen pilgern hier hin und während Corona sammelten sie dort Heilpflanzen, die gut für die Atemwege sind. Auch Kartoffeln werden hier angebaut.

Nur ein Fünftel etwa des gesamten Tals ist für Menschen zugänglich. Es gibt dort Wege, die man hochlaufen kann, um das Valle und La Paz von oben anzuschauen. Sehr beeindruckend, sehr weitläufig und eine Landschaft, wie ich sie noch nie gesehen habe.

Das Valle de las Animas in der Nähe von La Paz. (Foto: vku)

Laguna Charquini: Während sich Nicole entschied, eine Dreitagestour auf den Sechstausender Huayna Potosi zu unternehmen, habe ich mich für eine Wanderung zur Lagune Esmeralda und Gletscher Charquini angemeldet. Der Weg dorthin ist nicht weit, aber auch nicht ganz ohne, ist die Lagune doch auf 5000 Metern Höhe. Ich war mit einer geführten Tour unterwegs, meine Mitwanderer*innen waren ungefähr genauso alt wie ich – also eigentlich alle ganz fit. Zumindest, bis man uns hat schnaufen hören. Manomann, so krass außer Puste war ich noch nie bei einer Wanderung! Dabei sind wir gerade einmal zwei Kilometer und etwa 450 Höhenmeter gelaufen. Dazu kam eiskalter Wind und ein Schneesturm.

Als wir oben bei der Lagune angekommen waren, war plötzlich wieder alles in Ordnung. Wir konnten wieder normal atmen, haben uns gewundert, wie kurz die Wanderung doch war und dann kam sogar die Sonne raus. Wie warm es gleich wurde! Das Wasser der Lagune war türkisblau und eiskalt. Ein älterer Mann, der nach uns ankam, hat sogar darin gebadet. Als wir uns auf den Rückweg machten, zogen die Wolken weg, es klarte auf und der Weg war gleich ein ganz anderer. Wir sahen das Gebirgsmassiv, den Gletscher, Wiesen um uns herum. Was für eine schöne Wanderung! Auf dem Weg zurück nach La Paz machten wir noch einmal Halt, um den Huayna Potosi zu bestaunen. Hierauf kletterte Nicole in diesem Moment. Fand meine Tour schon fast zu anstrengend, da wollte ich an ihre gar nicht denken…

Die Laguna Charquini im Schneesturm. Wenig später klarte es auf. (Foto: vku)
Die Laguna Charquini im Schneesturm. Wenig später klarte es auf. (Foto: vku)

Cholita Wrestling: Als ich vom Cholita Wrestling zum ersten Mal gehört hatte, dachte ich mir: Was für ein Schwachsinn. Naja, ein paar Tage später saß ich selbst in der kalten, dreckigen Halle in El Alto und schaute dabei zu, wie sich traditionell gekleidete bolivianische Frauen von den Seilen im Boxring sprangen und sich gegenseitig die Köpfe einschlugen. Es war ganz unterhaltsam. Nicht vergleichbar mit sonstigen kulturellen Events, die ich mir in München oder sonst wo gebe (und hier vermisse), aber ein wenig Spaß war es allemal. Ein wenig wie Kirmesboxen. Vor allem für Touristen, aber auch einige Einheimische saßen auf der Tribüne – immerhin das gab mir ein gutes Gefühl.

Cholitas sind indigene Frauen aus Bolivien und Peru, die vor allem durch ihre traditionelle Kleidung auffallen. Zu dieser gehören ein Überrock und (laut Wikipedia) bis zu zehn (!) Unterröcke. Meistens tragen Cholitas noch Schals, Schürzen und einen Hut, der wie eine Melone aussieht. Die Anzahl der Unterröcke und die Stoffe, aus denen die Röcke sind, können etwas über die Herkunft und den sozialen Status der Cholitas aussagen – ist ja klar. Cholitas werden in Bolivien eher als starke Frauen angesehen, die zum Beispiel Sachen auf dem Markt verkaufen, also gut wirtschaften können, und sich gleichzeitig um die Familie kümmern.

Um 15 Uhr trafen wir uns schon, um mit einem Bus nach El Alto zu fahren. Der Bus klapperte zahlreiche Hostels und Cafés ab, um Tourist*innen einzusammeln. Gegen fünf kamen wir dort an der Location an: eine alte, heruntergekommene Halle, in der es eine Tribüne gab und einen Boxring. Auf einer Seite waren zahlreiche Papp- und Plastikaufsteller als Sichtschutz für die Cholitas und die übrigen Wrestler aufgestellt. Manche kippten während der Veranstaltung auch mal um. Die Tourist*innen saßen rund um den Ring herum auf Plastikstühlen, es gab Cola, Bier und Popcorn zu kaufen. Die meisten Einheimischen auf der Tribüne aßen und tranken nichts. Ich würde gern wissen, was sie für den Abend zahlen. Für Tourist*innen sind es 100 Bolivianos, also etwa 14 Euro, inklusive Transport, Cola, Popcorn und einem Souvenir.

Um 17 Uhr begann das Vorprogramm – mit männlichen Wrestlern. Viele waren nur knapp – oder äußerst albern – bekleidet. Und die Show war immer dieselbe: Zwei Teams traten gegeneinander an, eines war das coole, das andere das eher uncoole. Zuerst glaubten die Coolen, sich durchzusetzen – dann drehten die Uncoolen den „Kampf“. Beim Wrestling wird ja nicht wirklich gekämpft – und oft genug sah man, dass es einfach nur Show ist. Als die Cholitas dann starteten, war der Ablauf derselbe. Anfangs standen sich zwei Cholitas gegenüber. Beide heizten das Publikum ein, brachten es gegen die jeweils andere auf, und sie interagierten mit Touristen, tanzten mit ihnen, tranken Bier mit ihnen. Das war cool und hatte ein paar Überraschungsmomente. Es gab drei „Kämpfe“ mit Cholitas. Bei den letzten beiden „kämpften“ jeweils Zweierteams gegeneinander. Aber: Wie schon bei den Männerkämpfen war der Ablauf vorhersehbar. Auch die Moves waren oft dieselben.

Beeindruckend war aber zu sehen, wie athletisch und stark die Cholitas sein müssen. Denn auch, wenn die Kämpfe nur Show sind, müssen die Wrestlerinnen erst einmal die 15, 20 Minuten im Ring mit allen Kunststücken und Tricks aushalten. Mit diesen Klamotten – alle Achtung! Das Cholita Wrestling soll zeigen: Auch in dieser Männerdomäne können sich Cholitas sehen lassen, mithalten, besser sein. Und diese Botschaft kam auf jeden Fall an.

Zwei Cholitas im Kampf. (Foto: vku)

Inzwischen sind wir in Peru angekommen. Darum soll es in den nächsten Beiträgen gehen. Bolivien hat uns auf jeden Fall beeindruckt: durch die vielfältige Natur, die traditionelle Art der Menschen, die wenigen Touristen. Auch, wenn wir manchmal an unsere Grenzen gekommen sind – gerade beim Transport.

Ach, und wenn ihr den Blog gern abonnieren wollt, könnt ihr das hier unten, unter dem Beitrag, immer noch gern tun:) Ein paar Wochen bin ich ja noch unterwegs:)


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