Fast zwei Wochen sind wir bereits in Bolivien. Zeit für ein paar Fakten zu diesem unterschätzten Land mit den vielen Dinosaurierspuren. Uns ist schnell klar geworden: Gefeiert wird immer. Der Umgang der Bolivianer*innen mit Toilettenpapier ist interessant, nicht nur auf öffentlichen Toiletten.
Nachdem wir den Bus nach San Pedro de Atacama nicht genommen haben, weil uns eine Woche warten zu lang war, sind wir nun doch schon länger in Bolivien, als ursprünglich geplant. Den Zwischenstopp Atacamawüste haben komplett gestrichen, stattdessen haben wir uns andere schöne Spots in Bolivien herausgesucht, die wir anschauen wollen (und schon angeschaut haben).
Nach der Jeep-Tour durch die Uyuni-Wüste und entlang der Flamingo-Lagunen waren wir in Potosí, der höchsten Großstadt der Welt, und in Sucre. Dann waren wir im schönen Samaipata, jetzt sind wir in Toro Toro. Es wird Zeit für ein paar Beobachtungen zu Bolivien und den Menschen hier.

- Lange Röcke, lange Zöpfe, Ponchos. Viele Frauen (es sind tatsächlich nur die Frauen) tragen hier in Bolivien traditionelle Kleidung. Dazu gehört meistens ein knielanger Faltrock, oft in lila, blau oder schwarz. Die langen schwarzen Haare haben sie zu zwei Zöpfen zusammengebunden (I like), unten am Haargummi sind schwarze Bommel befestigt, die das Haar noch einmal voller wirken lassen. Viele Bolivianerinnen tragen Hut, vor allem auf Reisen. Auch wenn man diese Klamotten vor allem bei den älteren Leuten sieht, manchmal tragen auch jüngere Bolivianerinnen dieses traditionelle Outfit. Lustig dabei: Ponchos häkeln ist hier ein großes Ding, viele werden hier in den Markthallen verkauft, an aufwendigen Ponchos arbeiten die Frauen bis zu einem Jahr. Man sieht nur leider nie Menschen in Ponchos hier.. frage mich, ob es einen bestimmten Anlass dazu braucht.
- Supermärkte – Fehlanzeige. Einen ganz normalen Supermarkt haben wir hier in fast zwei Wochen Bolivien noch nicht gesehen. Wirklich! In Sucre haben sich ein paar Läden als „Supermercado“ ausgegeben, es waren aber eher Ramschläden mit ein paar Süßigkeiten und allem, was im Lager eben noch so herumlag. Wir haben hier schnell gemerkt: Die Bolivianer*innen kaufen auf Märkten. In großen Markthallen wie der in Sucre gibt es alles, auch Reis, Nudeln, Haferflocken, Käse, Putzzeug und Matebecher. Wie Menschen hier in Toro Toro überleben, ist mir ein Rätsel. Außer ein paar Obst- und Gemüsestände gibt es hier nichts. Und da der Ort mitten in der Pampa liegt, frage ich mich, ob er von Lieferdiensten frequentiert wird…
- Gefeiert wird immer. In Potosí liefen unzählige Brautpaare zur selben Zeit über den zentralen Platz. In Sucre war es nur der Jahrmarkt, der die Menschenmassen aus ihren Häusern heraus lockte. In Samaipata liefen sie an beiden Tagen mit einer Marienstatue auf dem Arm durch die Gegend. Egal, was der Anlass ist: Die Bolivianer*innen feiern gern. Das hat uns direkt ein Mann erzählt, der mit uns in Potosi am ersten Streetfood-Stand zusammenstand. Das bolivianische Pärchen, das wir beim Wandern trafen, hat das bestätigt und auf die Geschichte verwiesen. Einmal seien die Bolivianer lieber feiern gegangen, als in eine Schlacht zu ziehen. Leider konnte ich nicht herausfinden, welche Schlacht das war (anyone hier geschichtsinteressiert?). Karneval wird hier übrigens auch groß geschrieben, der bekannteste ist der Carnaval de Oruro.
- Dicke Backen riskieren (fast) alle. Viele Bolivianer*innen haben dicke Backen, und zwar immer. Das liegt daran, dass die meisten von ihnen Coca-Blätter in der Backe haben. Coca ist hier das gängigste Mittel gegen die Höhenkrankheit. Das Land ist topografisch so unterschiedlich wie kaum ein anderes in Südamerika. Die Uyuni-Wüste und die Lagunen liegen knapp auf 4000 Metern Höhe, Potosí sogar auf über 4000 Metern. In Samaipata waren wir beinahe wieder im Flachland mit 1600 Metern. In La Paz werden es wieder 3600 Meter sein. Da auch hier die meisten Menschen die Höhe nicht einfach so wegstecken, gibt es die Coca-Blätter überall zu kaufen, oft mit verschiedenen Geschmacksrichtungen. Sie enthalten ätherische Öle und man sollte sie in der Backe für ein paar Stunden verstauen. Coca löst ein bisschen ein Taubheitsgefühl in der Backe aus, putscht aber eher auf. Ich selbst habe nichts gemerkt. Auch wenn man ganz schön viele Blätter bräuchte, um Kokain herstellen zu können: Nach Europa darf ich sie nicht mitnehmen.
- Die eigene Rolle Toilettenpapier. Ich würde gern schreiben, dass Toilettenpapier in Bolivien ein rares Gut ist, es ist aber nicht so. Es ist nur die einzige Erklärung für den seltsamen Umgang hier mit Toilettenpapier. Auf die dreitägige Uyuni-Jeeptour musste jede*r seine eigene Klopapierrolle mitnehmen, in den Unterkünften gab es keines. Die öffentlichen Toiletten kosteten immer Geld (meistens fünf Bolivianos), dafür bekam man gefühlt eine halbe Rolle an Papier mit. Ich konnte immer welches davon aufheben. In manchen Hostels bekamen wir zusätzlich zu unserem Handtuch und dem Zimmerschlüssel eine Rolle Klopapier. Auf privaten Toiletten, etwa in Restaurants, muss man teilweise nach einer Rolle fragen. Weshalb ich weiß, dass hier keine Klopapierknappheit herrscht: In so ziemlich jedem Kiosk werden Toilettenpapierpackungen verkauft. Warum das hier dennoch anders funktioniert – fragt mich nicht. Übrigens: Wie in allen anderen südamerikanischen Ländern gehört das benutzte Klopapier nicht in die Toilette, sondern in den Mülleimer.
- Kommunikation ist nicht so ihre Stärke. Ein Beispiel: Wir haben in Samaipata nach dem nächsten Bus nach Cochabamba gefragt. Die Frau, die die Tickets verkauft, sagte: am Montag. Ich habe noch einmal nachgefragt, welche andere Option es denn gäbe: Ja morgen früh und morgen Nachmittag. Hä? Warum hatte sie das denn nicht gleich gesagt? Als wir an jenem nächsten Nachmittag wieder auftauchten, wusste niemand etwas von einem Bus, den wir nehmen wollten. Der Verkäufer fuhr mit dem Auto zu (s)einer Frau, die das Ticket verkauft hatte. Beide kamen zusammen zurück und verschwanden im Tickethäuschen. Aufklären wollte uns aber niemand, was jetzt Sache sei. Dass die Busfahrt chaotisch endete, gehört hier nicht her. Nur so viel: Es ist wirklich nicht die Stärke der Bolivianer*innen, sich verständlich auszudrücken. Klar liegt das auch an der Sprachbarriere, aber nicht nur. In den anderen Ländern hat man mich ja auch verstanden.
- Marketing können sie hier nicht. Im Vergleich zu allen anderen südamerikanischen Ländern, die wir bisher besucht haben, gibt es hier nur wenige Tourist*innen. Kaum jemand besucht außerdem nur Bolivien, die meisten sind auf einer längeren Reise, bei der Bolivien eine Station ist. Dabei hat das Land wirklich viel zu bieten: Hier treffen sich Anden und Amazonas, hier gibt es die größte Salzwüste der Welt, die größten Dinosaurierspuren der Welt, Sechstausender, Silberminen, Lagunen mit Flamingos, Inkatrails, die (ehemals) gefährlichste Straße der Welt, der Titicacasee. Aber Bolivien erzählt der Welt nicht, was es hier hat, wie reich sie an Boden- und Naturschätzen sind. Das hängt mit dem Kolonialismus zusammen, mit der Art, wie die Spanier Bolivien behandelt haben. Dennoch: Das Land ist ärmer als alle umliegenden – und müsste es vielleicht nicht sein. Vielleicht.
- Pollo con Papas. Ebenso vielfältig wie die Natur sind die Obst-, Gemüse- und Getreidesorten, die es hier in Bolivien gibt. Für Vegetarier*innen ist Bolivien allerdings kein Gemüseparadies, sondern eine Hähnchenhölle. An jeder Straßenecke gibt es Pollo con Papas, Hähnchen mit Pommes. Überall. In Potosí haben wir überhaupt keine anderen Läden gesehen, oft gibt es aber noch Chuletas (Kotelett) oder Res (Rindfleisch), oft auch in Sandwiches oder Burgern. Warum das Essen hier nicht vielfältiger ist? Weil es schnell geht und einfach ist, erzählt uns ein Kerl in Mairana. Die Bolivianer*innen essen gern und viel und oft auswärts, vegetarisch isst aber keine*r. Für uns gibt es dementsprechend oft wenig Auswahl: Reis, Kartoffeln, ein wenig Salat oder Gemüse und Eier.
- Manche sind skeptisch gegenüber Touristen. Auch diese Art hängt stark mit dem Kolonialismus zusammen. Viele Einheimische stört es, wenn Tourist*innen Fotos von der Landschaft oder gar von ihnen machen. Sie sorgen sich darum, dass man ihnen das Land wegnimmt. Eine ältere Frau in der Markthalle hat mich ignoriert, obwohl ich ihr gern ein paar Chilis abgekauft hätte. Auch die Guides sind teilweise zurückhaltend, sprechen lieber mit den Einheimischen. Manche verlangen bei Tourist*innen auch höhere Preise, weil sie glauben, dass die mehr Geld haben. Die Mehrheit der Menschen ist aber sehr nett und interessiert daran, wie es in anderen Teilen der Welt zugeht.
- Die Sache mit den Drogen. Wusstet ihr, dass in Bolivien das meiste Kokain in ganz Südamerika produziert wird? Ich auch nicht. Dachte immer an Kolumbien dabei, aber von dort aus wird das meiste exportiert, die Bolivianer*innen behalten ihres lieber im eigenen Land. Viel Kokain wird zum Beispiel im Gefängnis San Pedro in La Paz produziert und über kreative Weise in die Außenwelt geschmuggelt. Wenn es euch interessiert, hier und hier gibt es interessante Infos dazu.

Falls ihr Lust habt, mich auf meiner Reise zu begleiten und einen Newsletter zu bekommen, wenn ein neuer Blogbeitrag erscheint, dann könnt ihr den Blog abonnieren. Dazu einfach die E-Mail-Adresse am Ende der Seite eingeben und bestätigen. Viel Spaß:)
Entdecke mehr von victoriakunzmann
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.