Nach der Wanderung in Torres del Paine inklusive des netten Flairs in Chile, erwartete ich von El Chaltén nicht viel. Vor allem nicht, dass wir hier richtig tolle Menschen treffen würden, mit denen wir ein besonderes Silvester erlebten. Überhaupt ist die Reise eine wunderbare Chance, Menschen zu treffen, die man sonst niemals kennenlernen würde.
Dass wir dieses Silvester wohl nicht mehr vergessen werden, ahnten wir nicht. Immerhin wussten wir drei Stunden vor Mitternacht noch nicht, was wir genau machen wollten. In ein Restaurant gehen? Zu teuer und auch kein geeignetes gefunden. Zu einer Party gehen? Im Notfall vielleicht. Die Fitz-Roy-Wanderung machen, eine generell beliebte Mitternachtsbeschäftigung? Um Himmels Willen. Also blieben wir in unserem Hostel – und hatten den wahrscheinlich besten Abend, den wir haben konnten.
El Chaltén war unsere letzte geplante Station zum Wandern in Patagonien. Dass wir jetzt hier die Carretera Austral nach oben fahren würden, konnte damals noch niemand ahnen. El Chaltén war auch die teuerste und touristischste Station – das wussten wir schon. Deshalb waren unsere Erwartungen eher niedrig. Auch an die Unterkunft: Wegen der hohen Preise blieb uns nur ein Schlafsaal übrig. Schnell wurde uns aber klar, dass wir in einem ziemlich coolen Hostel gelandet waren. Eines mit vielen coolen Leuten, die auch gern Zeit miteinander verbrachten.
Darf ich vorstellen? Die ersten beiden, die wir kennenlernten, waren Yoga-Mora und Kletter-Lucas. Lucas, der eigentlich auf den Spitznamen Bubi hört (bitte verzeiht Rechtschreibschwächen bei den Namen), macht Rafting mit Touristen, klettert aber viel lieber. Er klärte uns direkt über die Eigenheit des argentinischen Präsidenten Milei auf und weshalb alle jungen Leute das Land verlassen möchte. Diesen Plan verfolgen er und seine Freundin Mora auch. Sie ist Kunst- und Yogalehrerin und es wunderte niemanden, wenn sie wieder einmal in der Küche auf ihren Händen stand.
Dann war da noch Mama-Mari, Mariana aus Brasilien, der definitiv herzlichste Mensch, den ich auf der Reise bisher getroffen habe. Sie mochte jeden, jeder mochte sie – und sie kümmerte sich um alle. Schon nach wenigen Tagen führten wir tiefgründige Gespräche, eine Einladung zu ihr nach Sao Paulo habe ich auch bekommen. Dann wäre da noch Barbecue-Bauti, der eigentlich Bautista heißt und aus der Nähe von Buenos Aires kommt. Er war nie laut, aber immer da und derjenige, der sich bei den Assados um den Grill kümmerte. So auch an Silvester. Freaky Fred hingegen ist ein Phänomen. Hat eine Vorliebe für Fernet Branca, den er am Silvesterabend in Nullkommanichts zum beliebtesten Getränk machte. Er liebt auch guten Kaffee – so sehr, dass er den besten Kaffee El Chalténs suchte, fand und mich kosten ließ. Und er hat immer leicht Sonnenbrand im Gesicht, der arme. Auch mit von der Partie war die Französin Marion, deren Airline den Koffer verloren hatte. Wir drückten ihr jeden Tag die Daumen, dass die Airline am Telefon Erfolg vermeldete. Leider wusste sie nach ein paar Tagen aber nicht einmal mehr, ob der Koffer überhaupt je argentinischen Boden unter sich hatte.

Da wäre auch noch der lustige Kerl aus Israel, dessen Namen ich leider vergessen habe (insgesamt sehr viele junge Menschen aus Israel hier unterwegs!). Er ist Silvester kurz vor Mitternacht auf eine Party gegangen, kam kurz nach Mitternacht zurück – um die Fitz-Roy-Wanderung zu machen. Den nächsten Tag machte er durch, um nicht aus dem Schlafrhythmus zu fallen. Er verließ El Chaltén am selben Tag wie wir und machte sich auf Richtung Antarktis. Nicht zu vergessen ist dieses süße japanische Pärchen: Beide haben ihren Job gekündigt, um auf Weltreise zu gehen. Sie haben Visitenkarten mit ihren Instagram-Accounts dabei, und wir sehen, dass sie schon wirklich herumgekommen sind. Jeder hier hatte seine ganz eigene Geschichte dabei – und jeden Abend freuten wir uns, von den anderen zu erfahren, wie ihr Tag war. Und generell freute ich mich, ein wenig mehr über die anderen zu erfahren.
Das ist das Schöne am Reisen: Man lernt viele interessante Menschen kennen, mit denen man allein durch das Reisen vieles gemeinsam hat, die aber gleichzeitig sehr verschieden sind zu einem selbst. Da war auf der W-Trek-Wanderung diese US-amerikanische Familie, die überlegt, nach Deutschland auszuwandern. „Wer hätte das gedacht, dass ich als Jüdin einmal überlege, nach Deutschland zu gehen?“, sagte die Mutter zu mir. Heute haben wir in Bariloche ein Mädchen aus dem Schwarzwald wiedergetroffen, mit der wir uns in unserer ersten Nacht in El Chaltén das Zimmer geteilt hatten. Sie ist schon seit sieben Monaten allein unterwegs in Südamerika. Da wäre das junge Paar aus Dresden, das mit dem Motorrad durch Südamerika fährt und die wir durch Zufall nach einigen Wochen auf der Carretera Austral wieder getroffen haben. Erst durch Corona hat er den Motorradführerschein gemacht. In Oaxaca hat uns diese unglaublich nette ältere Dame, die seit Jahrzehnten jedes Jahr mit ihren Freunden diesen Ausflug nach Oaxaca macht, mit Tipps für Mexiko City überschüttet – und uns am Ende nur das Beste gewünscht, mit den Worten: „Euch gehört die Welt!“.
Es klingt philosophisch und kitschig, aber ich glaube, wir haben – auch durch diese Reise – gelernt, wie viele nette und warmherzige Menschen es da draußen gibt. Natürlich erleben wir auch das Gegenteil, tagtäglich sogar. Viele desinteressierte, unmotivierte Bedienungen, Hotelangestellte und einfach Menschen auf der Straße. Die Mehrheit aber ist zuvorkommend und will einem helfen. Vielleicht bilde ich mir ein, dass Menschen durch ihre Reisen aufgeschlossener werden. Ich glaube aber zu wissen, dass die meisten Reisenden mit einer Neugierde durch die Welt gehen – und die kommt zurück, von Einheimischen und von anderen Reisenden.
In den nächsten Posts muss ich aber mal auf die Tube drücken: Wir sind nämlich längst nicht mehr in El Chaltén, sondern schon in Bariloche. Unsere Erfahrungen auf der Carretera Austral fehlen auch noch. Sagt mir ansonsten gern Bescheid, wenn ihr etwas über ein bestimmtes Thema wissen möchtet.
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