… die wir später mal erzählen, wenn wir alt sind (und die dann niemand mehr hören möchte). Die vergangenen beiden Tage waren wild. Wir haben über 300 Kilometer Luftlinie zurückgelegt. Zu Fuß, mit der Fähre und auf Auto-Ladeflächen waren es deutlich mehr. Dafür kommen wir dem unberührten Patagonien gerade etwas näher.
Mit dem Blog bin ich inzwischen einige Tage hintendran, so vieles ist inzwischen passiert und nicht jeden Abend schaffe ich es, mich hinzusetzen und zu schreiben. Die vergangenen drei Tage waren aber so wild, dass ich sie zwischenschieben muss. Denn das sind vermutlich die Geschichten, die von dieser Reise hängen bleiben – das haben wir beide schon mehrfach zueinander gesagt. Also von vorn.
Bis Freitag waren wir einige Tage in El Chaltén in Argentinien zum Wandern. Unser ursprünglicher Plan war es, von dort mit dem Bus oder Flug nach Bariloche zu kommen, einer Stadt im Norden des Landes. Doch beide Möglichkeiten waren extrem teuer und der Bus zudem langwierig. Also entschieden wir uns für eine alternative Route. Wir wollen auf die Carretera Austral – die chilenische Fernstraße, und von dort nach Norden. Der südliche Endpunkt der Straße beginnt in der Ortschaft Villa O’Higgins und war gar nicht so weit entfernt von uns, allerdings mussten wir dazu ein paar Hindernisse überwinden.
Am Freitagmittag brachen wir nach meiner Arbeit in El Chaltén auf, verließen unser Hostel und versuchten, die einzige Straße, die es nach Norden gab, zu trampen. Das hat auch ganz gut geklappt, da viele Leute entlang der Strecke wandern gehen. Das Ende bis zum Lago del Desierto hat uns ein Shuttle mitgenommen. Hier ist Endstation der Straße, hier übernachteten wir. Um nach Villa O’Higgins zu kommen, mussten wir zunächst über den See kommen (entweder zu Fuß oder mit der Fähre), dann sieben Kilometer zur Grenze durch den Wald laufen, dann 15 Kilometer entweder zu Fuß laufen oder mit dem Taxi gefahren werden und ab Candelario Mancilla mit einer weiteren Fähre noch anderthalb Stunden nach Villa O’Higgins fahren. Diese zweite Fähre fährt nur alle drei Tage, wir mussten sie am Samstag um 16.30 Uhr also bekommen. Unser Taxi ab der Grenze würde um 13.30 Uhr abfahren.
Um etwas Geld zu sparen (und auch, weil wir es gern machen), wollten wir zu Fuß um den Lago del Disierto laufen. Die Fährfahrt würde 40 Euro kosten, die zweite Fähre bis Villa O’Higgins waren schon um die 60. Um kurz vor acht Uhr gingen wir los, mit all unserem Gepäck. Bei mir waren das wohl etwa 18 Kilo, den Laptop hatte ich schon Nicole gegeben, die noch mehr Platz in ihrem Rucksack hatte. Der Weg war schon nach wenigen Metern extrem schwierig zu gehen. Er ging hoch und runter, hoch und runter, war sandig und dadurch rutschig. Und es kamen mehrere Bachüberquerungen, die ich nur mit Nicoles Hand schaffte, ohne nass zu werden. Nach fast drei Kilometern blieb Nicole stehen und sagte zu mir, dass wir es in diesem Tempo niemals bis 13.30 Uhr an die Grenze schaffen würden. Also entschieden wir uns dafür, dass ich umdrehte und zur Fähre ging und Nicole weiterlief. An der Fährstation würde sie auf mich warten – und wenn sie nicht dort war, sollte ich einfach weiterlaufen. „Beeil dich!“, rief mir Nicole noch durch den Wald hinterher – und erst in diesem Moment begriff ich: Es war schon fast viertel nach neun. Wenn ich die Fähre bekommen wollte, musste ich mich echt beeilen.
Also lief ich, so schnell ich konnte. Die Bachüberquerungen überquerte ich natürlich mitten durchs Wasser, das war der einfachste Weg. Völlig außer Puste kam ich fünf vor zehn am Bootsanleger an und sprang auf die Fähre. Ich war die Einzige, die nach Punta Norte wollte, alle Touristen stiegen vorher aus. Beim Aussteigen informierte mich der nette Mensch auf dem Boot noch, dass ich zur Polizei müsse, um auszureisen. Der wirklich langsame Polizist trug mich also in die Liste ein und ich sah, dass Nicole noch nicht hier gewesen war. Oder hatte sie sich nur nicht eingetragen? Ich ging weiter, wie sie es gesagt hatte – und war der festen Überzeugung, dass sie mich ohnehin bald einholen würde. Irgendwie lief ich nun befreit auf. Der Weg war zwar auch hügelig, doch ich kam viel schneller voran. Ich war noch nie so oft zuvor über Bäche gegangen, doch sie waren alle recht einfach zu überqueren (zumindest, wenn man nasse Schuhe in Kauf nahm). Ich etablierte für mich, nach jedem Kilometer einen Schluck zu trinken und in etwa 15 Minuten pro Kilometer zu brauchen – so würde ich die Distanz easy schaffen. Während ich wie in Trance lief, fiel mir gar nicht auf, dass Nicole nicht kam. Irgendwann war aber die Grenze da.

Kurz davor war ich aus dem Wald herausgelaufen, plötzlich war da nur noch eine Art Steppe. Viele Büsche, ein paar Bäume, eine etwas breitere Straße. Ein Schild mit der Aufschrift „Argentina“ in die entgegengesetzte Richtung und wenig später eines mit „Bienvenidos a Chile“. Natürlich mit dem üblichen „Nett hier“-Sticker aus Baden-Württemberg darunter. Echt schlimm. (Wie gut, dass die Landesregierung sie nicht mehr drucken lassen möchte). Ehrlich gesagt hatte ich ein wenig mehr als nur ein Schild erwartet. Vielleicht noch ein Haus? Menschen? Ein Grenzhäuschen? Irgendjemand wollte doch bestimmt meinen Pass sehen. Aber hier war nichts. Wie in einem alten Westernfilm, in dem die Heuballen durchs Bild wehen. Also lief ich weiter.


Ich lief bestimmt noch anderthalb Kilometer, bis ich zur Erkenntnis kam, dass das Taxi wohl tatsächlich bei dem „Chile“-Schild halten würde und Nicole wohl einfach noch nicht dort war. Ein paar Radlfahrer kamen vorbei, ich fragte sie nach der Passkontrolle. Die sei erst unten am Hafen. Also drehte ich um, füllte meine Wasserflasche auf und sah ein Auto an mir vorbeifahren. Das musste unser Taxifahrer sein. Kurze Zeit später, ich war immer noch am Zurücklaufen, kam das Auto entgegen. Nicole sprang heraus und rief wieder: „Was machst du?!“ Meine Antwort: „Es war so schön, mit 18 Kilo Gepäck zu laufen. Da wollte ich noch ein bisschen weiter gehen.“ Von ihr fiel eine Last ab, größer als meine. Ich wusste ja, dass ich die Fähre bekommen hatte und sie (relativ sicher) kommen würde. Nicole aber hatte sich sämtliche Horrorszenarien ausgemalt, wie viele Nächte wir wohl im Nichts schlafen müssten, wenn ich die Fähre nicht bekommen hätte – und wir deshalb die zweite auch nicht bekommen würden.
Wir stiegen ein und Taxifahrer Ricardo fuhr uns Richtung Fähranleger in Candelario Mancilla. Ricardo war unser Held des Tages: die 15 Kilometer lange Straße hätten wir unmöglich noch laufen können. Ricardo ist vermutlich der einzige Mensch, der wirklich in diesem Gebiet lebt. Er betreibt gleichzeitig den Campingplatz und Nicole hatte ihn nur über Kommentare des Campingplatzes bei Google gefunden. Sehr clever. Wir brauchten fast eine Stunde mit dem Auto für die 15 Kilometer, so holprig war die Straße. Am Ende ließ Ricardo uns an der Polizeistation heraus. Aha. Hier war sie ja endlich, die Passkontrolle. Von hier sei es noch ein Kilometer zum Fähranleger, sagte Ricardo und Nicole gab ihm 20 Dollar für uns beide. Ein wahrer Held.
Die Passkontrolle dauerte gefühlt ewig, da der Beamte für jeden von uns einen Antrag abschicken musste an eine Behörde, die unsere Einreise genehmigte. Mit uns warteten zwei verrückte Radlerpärchen, eines davon war deutsch, das andere mit dem Tandem unterwegs. Verrückt. Der Carabiniero von der Passkontrolle war dafür aber extrem lässig und plauderte gern mit mir. Er gab mir Tipps für unseren anstehenden Stopp in Chiloé, fragte mich nach Portugal aus und erlaubte mir sogar, die Tomate auf meinem Sandwich zu lassen, nachdem ich gebeichtet hatte, die geschnittene Scheibe importieren zu wollen. Ohne Scherz: Es ist verboten, frisches Obst und Gemüse nach Chile mitzunehmen. Der Grund sind Fruchtfliegen. Nach einer Stunde hatten wir unsere PDI, das ist eine Art chilenischer Ausweis, und liefen den Rest bis zum Fähranleger.
Wie überall hier gab es auch in Candelario Mancilla einfach nichts (siehe Beitragsbild). Ein etwas größeres Motorboot stand dort herum und ein Polizeiboot, das die Carabinieri der Grenzpolizei gleich entladen würden. Also warteten die verrückten Radlfahrer und wir. Zwei Israelis kamen wenig später dazu, ein Italiener, der ebenfalls ab Villa O’Higgins die Carretera Austral abradeln wollte und ein englisches Pärchen, das aussah wie ein Popduo Anfang der Zweitausender. Ah, und ein Typ aus Alaska, der direkt schlief. Wir warteten und warteten. Es war längst 16.30, aber von einer Fähre war keine Spur. Warum nur hatten wir bei der Grenzkontrolle solch einen Stress gemacht? Und warum dachten wir, die 15 Kilometer nicht rechtzeitig laufen zu können? Puh. Uhrzeiten sind echt so eine Sache in Südamerika, auch, wenn wir dachten, die Chilenen seien organisierter.
Viertel nach fünf kamen zwei Männer zum Fähranleger und sagten in die müde dreinblickende Runde: „Let’s go“. Ich konnte es kaum fassen. Wo kamen die beiden denn jetzt her?! Vom Mittagessen? Ihrem Mittagsschläfchen? Hatten sie vergessen, dass heute die Fähre fahren würde? Sie gingen zu dem kleinen Motorboot, das dort als einziges herumstand und luden unsere Rucksäcke ein. Ich konnte nicht glauben, dass wir alle mit diesem kleinen Boot fahren würden. Wir waren bis auf den letzten Platz besetzt. Auch die Fahrräder kamen noch mit. Es war eine urkomische Fährfahrt. Die Wellen waren so stark, dass das Boot immer wieder hart aufschlug und alles auf den Boden fiel. Einer der beiden Bootjungs hatte zwischendurch alle Rucksäcke von vorn nach hinten geladen, um mit dem Gewicht entgegenzusteuern. Es hatte nur mäßig geholfen. Nach anderthalb Stunden hatte ich heftige Kopfschmerzen, wir alle waren durchgeschüttelt und wie die Radlfahrer ihre Räder wieder vom Boot bekommen hatten, ist mir bis heute ein Rätsel. Wir hatten nämlich nicht am Steg, sondern neben einem anderen Boot angelegt. Die beiden Männer vom Boot brachten uns dann sogar noch nach Villa O’Higgins, wo Nicole und ich uns dem Italiener und dem Popduo anschlossen, die beide dasselbe Hostel gebucht hatten, und ebenfalls dort nächtigten. Villa O’Higgins selbst ist erst seit 1999 an die Carretera Austral angebunden, früher kam man nur mit dem Boot oder Flugzeug hier herunter in den Süden. Im Hostel trafen wir dann noch einen Kerl aus Ulm, der mit seinem Packraft in Patagonien unterwegs war. Das ist ein zusammenfaltbares Schlauchboot, das wenig wiegt, in den Rucksack passt – und mit dem man „einfach“ lospaddeln kann. Das wollte er am nächsten Tag auch tun. Und ich dachte vor unserer Reise, wir seien verrückte Menschen.
Am nächsten Morgen machten wir uns nach dem Frühstück auf den Weg nach Norden. Zuerst wollten wir den Bus nehmen, doch der war schon um acht abgefahren, was uns zu früh war, da es Frühstück erst ab halb acht gab. Also probierten wir es mit Hitchhiken, also per Anhalter fahren. Wir hatten schon viele Menschen auf der Reise getroffen, die das gemacht hatten und auch unsere Host in Villa O’Higgins sagte, dass es klappen könnte. Und tatsächlich: Wir standen keine fünf Minuten an der Straße, als ein Pickup anhielt und uns anbot, hinten auf der Ladefläche mitfahren zu können. Jackpot. Die Ladefläche ist generell eine gute Sache: Man hat den besten Ausblick, am meisten Platz und muss keinen lästigen Smalltalk führen. Denn: So nett der Ire, der uns mitnahm, auch war: Wir verstanden bei seinem Akzent nur die Hälfte von dem, was er uns sagte. Seinem Travelbuddy, einem Amerikaner aus Baltimore, ging es übrigens genauso, wie er uns später bestätigte. Die Fahrt war extrem schön – das wusste ich schon nach wenigen Minuten. Berge, viele glitzernde Seen, Felsblöcke, aus denen plötzliche Wasserfälle kamen, Schluchten… all das direkt an der Carretera Austral. Mit der Zeit wurde es etwas warm – und staubig. Das sah ich vor allem an meinem Rucksack. Die beiden Touristen nahmen uns bis Cochrane mit, das waren sechs Stunden Fahrt, und luden uns dann sogar noch zum Essen ein.

Wir verabschiedeten uns, denn wir wollten ja noch ein Stück weiter bis Puerto Río Tranquilo. Der zweite Fahrer ließ etwas länger auf sich warten. Ein Chilene, der kein Englisch verstand und uns sagte, dass er uns für 80 Kilometer mitnehmen konnte. Okay, immerhin. Er hatte vermutlich noch nie in seinem Leben mit Deutschen gesprochen, so verwundert wie er war. Zum Beispiel, als wir ihm sagten, dass sein Name, Christian, ein sehr geläufiger Name in Deutschland sei. Oder dass wir vier Monate auf Reise sein würden. Naja. Am Ende war der Deal doch nicht so gut, er hatte schon nach rund 30 Kilometern gesagt, dass er hier jetzt abbiegen würde – und ließ uns mitten in der Pampa aussteigen. Hier war wirklich nichts. Wahrscheinlich denkt ihr alle, Chile ist total öde, weil ich im kompletten Text schreibe, dass nichts da ist. Aber aus europäischer Sicht ist das einfach kaum vorstellbar. Auf der Nord-Süd-Durchgangsstraße fährt für mindestens zehn Minuten kein Auto.
Schließlich kam ein französisches Pärchen, das wohl Mitleid gehabt haben musste, denn sie waren erst weitergefahren, hatten dann eine Vollbremsung gemacht – und waren rückwärts zu uns zurückgefahren. Die beiden Franzosen waren extrem nett, hielten mehrfach am Weg an, sodass wir Fotos machen konnten und gaben uns noch ihre Nummer, als sie uns herauslassen mussten. Ihre Unterkunft lag einige Kilometer vor Puerto Río Tranquilo. Wir hatten aber großes Glück: Kaum waren wir ausgestiegen, hielt auch schon das erste Auto an, das vorbeigefahren kam. Ein älteres, chilenisches Ehepaar, das ebenfalls kein englisch verstand – aber bis zu unserem Zielort fuhr. Sie waren extrem nett und gaben uns Tipps. Nur leider war es extrem stickig im Auto und immer, wenn sie das Fenster öffneten, kam eine Ladung Staub mit hinein. Wir wussten schon, weshalb die Ladefläche einfach der beste Ort war. Um halb neun erreichten wir unseren Zielort Puerto Rio Tranquilo und gingen zu unserem Hostel (das uns der Kerl aus Ulm empfohlen hatte). Und es ist leider das lausigste Hostel, das wir bisher hatten. Inklusive fetter Spinne an der Decke. Naja. Das gehört wohl alles zum Abenteuer. Zu den Geschichten, an die wir uns erinnern.
Trotz nasser Schuhe, staubiger Rucksäcke und fetter Spinnen sind wir aber echt froh bisher, dass wir diese eher ungewöhnliche Route gewählt haben. Hier gibt es zwar auch Touristen, aber man hat doch das Gefühl, in einem unberührten, rauen Stückchen Natur zu sein, fernab der Menschenmassen. Und fernab des Standardprogramms.
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