Wir hatten keinen ganz leichten Start in Patagonien. Es fing schon im Flugzeug auf dem Weg nach El Calafate an, eine Küchenproblematik und die weiterhin unglaublichen Preise raubten uns alle Nerven. Der Perito-Moreno-Gletscher, den wir heute besucht haben, entschädigte uns aber zum großen Teil.
Zugegeben, rückblickend ist immer alles halb so schlimm. Jetzt sitzen wir in einem echt schönen Apartment mit Küche und bekommen morgen früh sogar noch Frühstück. Aber zwischendurch hatten wir schon gezweifelt, warum wir eigentlich hier sind. Es begann schon im Flugzeug, das im Landeanflug rumpelte und holperte, dass mir schlecht wurde. Nicole dachte, wir stürzen ab. Ich war dann etwas verwundert, wo wir landeten. Außer Seen und Wüstenlandschaft war da nämlich nichts.
Auch im Stehen wackelte das Flugzeug noch, als wäre es auf hoher See. Als wir ausstiegen, begleiteten uns Flughafenmitarbeiter zum Gate, weil der Wind so stark war, dass wir nicht geradeaus gehen konnten. Der Wind ist nicht immer so stark hier, aber eigentlich immer da. Der Wind ist es auch, der es hier so kalt macht. Nicole sprach ein junges Mädchen und einen Jungen an, ob wir uns das Taxi ins Zentrum teilten. Uber war mal wieder nicht erreichbar und die Bus-Schlange ewig lang. Der Junge war glücklicherweise Argentinier und konnte das Taxi komplett in bar zahlen, wir überwiesen nur (und konnten unsere kostbaren Bargeldreserven sparen). Nach einem Besuch im viel zu teuren Supermarkt in El Calafate liefen wir noch etwa zwei Kilometer zu unserer Unterkunft.

In der Unterkunft angekommen, stellten wir fest, dass das Zimmer keine Küche hatte und es auch keine Gemeinschaftsküche gab, wo wir die Kartoffeln, das Gemüse, die Eier kochen konnten, die wir gekauft hatten. Die Rezeptionistin war leider wenig hilfsbereit und sagte, es gebe hier in der Unterkunft auch keine Küche. Später stellten wir fest, dass es beim Frühstücksraum zwei Herdplatten gab. Das Internet funktionierte auch nicht. Unsere Stimmung war im Keller und Nicole versuchte, unsere Buchung von zwei Nächten in eine Nacht zu ändern.
Nach reichlich Hin und Her inklusive falscher Abbuchung am nächsten Morgen hatte uns die Rezeptionistin die Buchung geändert, wir hatten bezahlt und ein neues Zimmer im selben Ort reserviert, dieses Mal sollte es mit Herdplatte und Wasserkocher sein. Also liefen wir mit unserem Gepäck drei Kilometer vom einen Ortseingang zum anderen Ortseingang – nur um festzustellen, dass das Hotel auch keine Küche hatte. Wasserkocher ja, Herdplatte nein. Ob wir in der Frühstücksküche kochen dürfen? Leider nein, sonst müssten sie es allen Gästen erlauben. Nicole verwies die Rezeptionistinnen auf die Ausstattungsmerkmale, die das Hotel laut App haben sollte. Beide waren zum Glück echt nett und bemüht. Sie schlugen uns ein Partner-Apartment mit Küche vor, frühstücken konnten wir in einem nahegelegenen Hotel.
Bestimmt fragt ihr euch, warum wir das Essen nicht einfach verschenkten, essen gingen und im Hotel blieben. Wir haben uns das auch gefragt. Es ist aber so, dass es sehr strenge Regeln für die Einfuhr von Lebensmitteln nach Chile gibt (wo wir ab morgen sein werden), essen gehen hier sehr teuer ist – und wir die Mitarbeiter in der ersten Unterkunft auch einfach wenig hilfsbereit fanden.
Nachdem wir unsere Rucksäcke im Hotel zwischengelagert hatten, machten wir uns endlich auf zum Busbahnhof, um zum Perito-Moreno-Gletscher zu fahren. Denn der Hauptgrund, weshalb man in El Calafate strandet, ist eben dieser Gletscher. Er ist eine der größten Touristenattraktionen in Argentinien und von El Calafate etwa anderthalb Stunden mit dem Bus entfernt. Wie so ziemlich alles hier in Patagonien (und überhaupt in Argentinien), ist ein Besuch des Gletschers sehr teuer. Das Busticket kostet hin und zurück etwa 50 Euro, der Eintritt in den Nationalpark Los Glaciares, in dem sich der Gletscher befindet, 45 Euro. Hinzu kam noch eine Bus Terminal Tax von drei Euro pro Person. Das ist kein Scherz.
Gletscher hatte ich schon in Kanada auf dem Icefields Parkway zwischen Lake Louise und Jasper gesehen (und vielleicht sogar mal in den Alpen?), dieser hier ist aber anders. Die Eisblöcke sind mächtig. So mächtig wie man sich das kaum vorstellen kann. Bis zu siebzig Meter ragen sie aus dem türkisblauen Wasser heraus und laufen teilweise echt spitz zusammen. Von oben sieht es aus wie ein erstarrtes, gefrorenes Getreidefeld (mit Sicherheit nicht, das ist nur meine Vorstellung), alles ist weiß und blau leuchtend in der Sonne. Die Eisblöcke gehen teils senkrecht ins Wasser, im Wasser schwimmen Eisblöcke, die abgefallen sind. Manchmal hört man es „donnern“ – dann ist irgendwo ein Stück Eis abgebrochen. Die „Gletscherzunge“, also der vordere Teil, auf den die Besucher*innen schauen, sperrt einen Teil des Lago Argentino ab.

Laut Wikipedia ist das Besondere am Perito-Moreno-Gletscher, dass er – im Gegensatz zu den meisten anderen Gletschern – nicht zurückgeht. Die Massenbilanz ergebe kein eindeutiges Ergebnis. Das kann ich mir kaum vorstellen, wenn ich allein in den zwei, drei Stunden unseres Besuchs, mindestens fünf Mal das Geräusch eines abbrechenden Eisklotzes gehört habe. Man muss aber auch sagen: Es ist dort, in Santa Cruz, einfach sehr kalt. Die Sonne wärmt zwar, es kann sogar sein, dass man zeitweise im T-Shirt herumlaufen kann, aber dann kommt die nächste Windböe und man wünscht sich einen Pelzmantel herbei. Als es am späten Nachmittag zu nieseln anfing, zogen wir sogar unsere Handschuhe an. Von knapp 30 Grad in Buenos Aires auf fast Null Grad ist eine ziemliche Umstellung.
Wir waren sehr froh, als wir endlich in unserer Unterkunft waren und kochen konnten. Der Tag wurde wirklich immer besser. Mal schauen, was uns in Patagonien noch alles erwartet. Wird bestimmt wieder abenteuerlich. Und windig natürlich.
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