Seit Samstagmorgen sind wir in Buenos Aires und schon nach wenigen Stunden ist meine anfängliche Argentinien-Wut verschwunden. Die Stadt ist herrlich! Denn die Menschen lieben Fußball und Rockmusik – was könnte schöner sein? Die Inflation hinterlässt aber krasse Spuren.
Nachdem wir von der argentinischen Seite Iguazus eine eher seltsame Sicht auf das Land bekommen haben, sind wir in die Hauptstadt geflogen. Hier ist vieles noch immer seltsam, vieles aber auch sehr charmant. Es hat sich bewährt: Hier – wie schon bei Mexiko City und Rio – ein paar Facts und Beobachtungen zu Buenos Aires.
Die Inflation kickt. Ich hatte mich schon gewundert, als wir bei den Wasserfällen über die Grenze gefahren sind und plötzlich alles dreimal so teuer war wie in Brasilien. Auch hier in Buenos Aires ist vieles teuer, wenn auch nicht ganz so sehr wie beim Touristen-Hotspot Iguazu. Wir haben einfach eine schlechte Zeit erwischt, um nach Argentinien zu reisen, weil die Inflationsrate so unnormal hoch ist. Seit Februar 2023 steigt die Inflationsrate kontinuierlich. Im Oktober lag sie bei 193 Prozent, zuletzt war sie rückläufig. Eine Pizza kostet im Restaurant umgerechnet 24 Euro, Lebensmittel im Supermarkt kosten so viel wie in Deutschland. Die Menschen verdienen aber einen Bruchteil des deutschen Lohns. Die Folge: Die Menschen stehen vor der Pizzeria und fragen die Menschen, die herauskommen, ob sie die Reste haben können. Armut und Kriminalität sind in manchen Stadtteilen unglaublich hoch. Es überrascht nicht. Mal schauen, wie es mit der Wirtschaft unter Javier Mileis Radikalkurs weitergeht.
Alle wollen Dollar. Und Euro. Geld wechseln ist echt nicht einfach in Argentinien. Am Geldautomaten kostet Abheben mit der Kreditkarte ein Vermögen (in unserem Fall wären es zwölf Euro gewesen). Da man auch in offiziellen Wechselstuben Geld verliert, raten einem viele, einfach auf der Straße zu tauschen. In der Innenstadt laufen viele Männer herum, die „Cambio, cambio!“ (zu deutsch „Wechsel“) rufen und einen auch ansprechen. Einer von ihnen hat uns 100 Euro zum aktuellen Kurs in 100.000 argentinische Pesos gewechselt. Mit einem Bündel Geldscheine sind wir gegangen. War ne seltsame Situation. Kauft man an Straßenständen (oder auch in normalen Läden) etwas, bieten viele keine Kartenzahlung an, andere wollen 15 Prozent mehr, wenn man mit Karte zahlt. Alle aber wollen Bargeld, am besten in US-Dollar oder in Euro. Das ist mehr Wert als ihre eigene Währung.
Noch besser als „Wir sind Papst“. Wir sind Weltmeister. Sie sind alles, was Deutschland auch war in jüngerer Vergangenheit. Dieselbe Euphorie wie hier habe ich aber damals bei uns nicht gespürt. Bei weitem nicht. Beim Papst-Sein schonmal gar nicht, aber auch der Weltmeistertitel 2014 wurde nicht so krass zelebriert wie hier. An jeder Straßenecke steht ein Schild „Somos Campeones“ („Wir sind Weltmeister“) oder ein Graffiti von Lionel Messi oder Diego Maradona ist zu sehen. Okay, wir haben auch schon wenige Angel di Marias und Emiliano Martinez‘ gesehen. Aber nur wenige. Jede*r Zweite trägt wahlweise ein Argentinien- oder ein Boca-Juniors-Trikot und vor dem Stadion „La Bombonera“ ist auch dann die Hölle los, wenn kein Spieltag ist. Es gibt Süßigkeiten, deren Verpackung mit einem Argentinien-Trikot geschmückt ist und ein Argentinien-Trikot für Hunde haben wir natürlich auch gesehen. Maradona ist eben doch größer als der Papst.

Sie mögen Rockbands (oder Bandshirts). Dass die Argentinier*innen E-Gitarren mögen, weiß ich schon länger. Schließlich haben einige große Bands einige ihrer größten Konzerte in Buenos Aires (oder allgemein in Südamerika) gespielt. So derart viele Bandshirts und Musikbezüge habe ich aber noch nie gesehen. Besonders beliebt zum Tragen sind die Red Hot Chili Peppers und Slipknot. Ich habe aber auch viele Shirts der Rolling Stones (gefällt meiner Mama) und sogar eines von Ghost (gefällt Max) gesehen. Es gibt viele Antiquariate mit Schallplatten- und CD-Sammlungen, auf Märkten werden Schallplatten-Uhren, -Taschen und Band-Plakate angeboten, in Lokalen läuft die Musik. Tango wird aber natürlich auch viel getanzt, fast klischeehaft viel. Dabei läuft dann natürlich Tangomusik.
Die Stadt der Märkte. Am Sonntag war es uns am Ende fast ein bisschen viel. Rund zwei Kilometer lang zog sich der Markt durch das Viertel San Telmo, bis wir endlich am Ende waren. Kurz vor La Boca kam dann der nächste in einem Park. Schon gestern hatten wir neben der Markthalle einen Trödelmarkt entdeckt. Die Menschen hier in Buenos Aires lieben anscheinend Märkte. Und viele der Dinge, die man hier kaufen kann, sind auch ziemlich cool. Viele Künstler*innen präsentieren ihre Bilder und Kunstwerke, es gibt viele DIY-Kunstwerke und alternative Klamotten und Alltagsgegenstände zu kaufen. Es gibt aber auch viel Schrott (entschuldigt die Wortwahl). Viele aussortierte Bücher, Lederwaren, Schuhe, CDs. Viele Händler*innen akzeptieren keine Kartenzahlung – noch ein Grund, weshalb ich nichts kaufen konnte (und wollte).

Mit Becher und Thermoskanne. Eines werde ich nicht verstehen: Wie kann man so sehr an grünem Tee hängen, dass man freiwillig mit Becher in der einen und Thermoskanne in der anderen Hand herumläuft? Glaubt es mir oder nicht: Die Argentinier*innen machen das. Ehrlich gesagt war ich etwas enttäuscht, als wir heute in der Markthalle von San Telmo einen Mate-Tee (acht Euro für drei Leute!) probierten. Man schüttet die zerkleinerten Teeblätter fast bis zum Becherrand, gießt dann mit heißem Wasser auf und schlürft. Umrühren verboten! Der Strohhalm ist gleichzeitig ein Sieb, der dafür sorgt, dass man die Blätter nicht mittrinkt. Trotzdem eine ganz schöne Blätterverschwendung, wenn ihr mich fragt. Weil die Becher so klein sind, gießt man ständig nach. Für mich schmeckt der Tee ähnlich wie ein grüner Tee, etwas bitter, aber nicht spektakulär. Definitiv wäre es mir das nicht wert, dafür den ganzen Tag mit Becher und Kanne in den Händen herumzulaufen.
Ein detaillierterer Text über das Essen in Argentinien folgt noch, dafür möchte ich noch Patagonien abwarten.

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