Alles für den Reis-Gott

Bei tropischen Temperaturen haben wir früh morgens die tausend quietsch-orangenen Schreine im Süden Kyotos besucht und sind danach in den Bambus-Wald abgetaucht.

Bei 45.000 Schritten hat meine Uhr heute schlapp gemacht, kurz vor dem Ziel. So viel wie heute sind wir noch an keinem Tag gelaufen. Und das alles bei dieser Hitze hier. Kyoto schafft uns. Aber von vorn.

Also, Kyoto, die frühere Hauptstadt, ist übersät von Touristen, das hatten wir schon vor unserem Besuch hier vermutet – und dieses Bild wurde uns bestätigt. Schon gestern in der Markthalle haben wir ein paar deutschsprachige Touristen gesehen, das war uns bisher noch nicht passiert. Generell: In der Regenzeit einfach nicht viele Touristen. Hierher wollten sie aber alle, wie wir. Die Frau von der Tourismus-Info hatte uns deshalb den Tipp gegeben, früh morgens zu den Sehenswürdigkeiten zu fahren. Da sie ohnehin alle spätestens um 17 Uhr ihre Tore schließen, könne man früh schlafen gehen – und früh aufstehen. Nicoles Style, meiner im Urlaub nicht unbedingt, aber okay.

Kurz nach sechs sind wir aufgestanden, um sieben Uhr waren wir am Schrein Fushimi Inari im Süden der Stadt – und wir waren nicht allein. Schon jetzt strömten viele Tourist*innen aus dem Zug. Fushimi Inari ist vermutlich der bekannteste und vielleicht auch der bedeutendste Schrein der Stadt. Besucher*innen machen Bilder von den tausenden orangefarbenen Schreinen, die tunnelartig um den Berg Inari aufgestellt sind. Inari ist der Reis-Gott, der Schrein wurde ihm zu Ehren aufgestellt. Die Füchse, steinern an beiden Seiten mancher Schreine, sind seine Wächter. Ziemlich verrückte Sache, ja. Aber in der Shinto-Religion betet man eben Naturphänomene an.

Der orangefarbene Tunnel aus Schreinen bildet einen Rundwanderweg mit ein paar Höhenmetern, der für uns fast zwei Stunden gedauert hat (mit vielen Pausen) und echt anstrengend war. Immer wieder begegnen einem auf diesem Weg Plattformen mit größeren Schreinen, vor denen gebetet wird. Manchmal findet man aber auch nur ein paar Steine und ganz viele kleine Holzschreine, die gebündelt in der Ecke liegen. Warum sie da liegen, konnte ich noch nicht herausfinden.

So wichtig dieser Reis-Gott auch sein mag: Für die meisten Besucher*innen zählt auf diesem Weg nur das perfekte Foto. Mit der richtigen Lichteinstrahlung und der richtigen Tiefenschärfe, klar. Aber das ist wirklich gar nicht so einfach, denn überall begegnen einem Menschen! Wir haben ein paar gemacht, wirklich wichtig ist mir das aber nicht (Nicole schon eher).

Wir sind weiter zur Bamboo Grove. Bei vorhergesagten 31 Grad wollten wir raus aus der schwülheißen Stadt und rein in den Wald. Tja, diese Idee hatten halt nicht nur wir. In Arashiyama im Westen der Stadt, direkt am Fluss, befindet sich ein großer Bambuswald, dessen Holz für die Herstellung von beispielsweise Körben verwendet wird. Das Gelände ist weitläufig, auch andere Attraktionen (na klar, eine Menge Tempel und Schreine unter anderem) gibt es in Arashiyama, aber die meisten Menschen wollen die mehrere Meter hohen Bambusstangen sehen.

Viele Japanerinnen und Japaner kamen traditionell im Kimono nach Arashiyama (ja, auch die Männer!), um vor den Bambushalmen zu posieren und Fotos zu machen. Denn die Japaner*innen lieben es ja, zu posieren. Sogar die traditionell weißen Socken in den Holz-Sandalen trugen viele. Hinzu kamen viele Familien und Paare, die den Weg versperrten. So schön, so magisch der Bambuswald sein mag: zusammen mit so vielen Menschen machte das einfach keinen Spaß.

Sechzehn Quadratkilometer groß ist die Fläche, auf der der Bambus gepflanzt wird. Für Menschen zugänglich sind aber nur große Pfade. Eine Absperrung aus vielen dünnen Ästen soll den Wald davor schützen, dass Menschen einfach reinlaufen. Die meisten Bäume sind wirklich dünn, weniger als 20 Zentimeter im Durchmesser, würde ich sagen. Dafür sind sie wirklich hoch! Da ich schlecht im Schätzen bin, habe ich nachgeschaut: Moso Bamboo wird bis zu 28 Meter hoch. Mystisch wurde der Wald aber erst durch die minz- bis dunkelgrüne Farbe der Stämme.

Da wir so früh gestartet sind und jetzt erst Mittag war, gingen wir in die Stadt, um uns auch dort endlich mal ein bisschen was anzuschauen. Zum Beispiel die Burg Nijo Jo im Norden der Stadt. Es würde wohl jede*n Leser*in zu Tode langweilen, wenn ich hier Monologe über jeden Tempel und jede Residenz in Japan schreibe, deshalb nur so viel: In Nijo Jo lebte der Shogun, eine Art Anführer der Samurai. Uns interessierte ehrlicherweise nicht wirklich, wie es in den Räumen aussah (wir haben schon viele gesehen), deshalb kauften wir nur ein Ticket für den Garten. So sahen wir ja auch die prächtigen Gebäude von außen.

Hier bekamen wir zum ersten Mal so richtig zu spüren, wie heiß es eigentlich war. Die Sonne knallte auf uns herunter, der Asphalt heizte die Umgebung noch schön auf und es gab kaum einen Fleck Schatten (doch: Aber die meisten Parkflächen durfte man nicht betreten). Wind? Fehlanzeige. Die Regenzeit kennt hier wohl nur Extreme: An einem Tag schüttet es urplötzlich in unglaublichen Mengen, am nächsten brennt die Sonne die ganze Stadt nieder.

Nun ja, wir liefen noch weiter. Der Kaiserpalast wartete auf uns. Und zum Essen fanden wir auch erst einmal nichts Bezahlbares (Hauptnachteil der Touristen-Hauptstadt), unser Schrittekonto fand es super, unser Schweißlevel explodierte. Morgen soll es noch heißer werden.


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