Die Sonne scheint zum Abschied in Helsinki. Fast fünf Monate in Finnland sind vorbei – fünf Monate mit viel Schnee, Frust und Hoffnung über das Wetter, vielen tollen Menschen (und Rentieren), viel Wald, viel Sauna – und einer Erkenntnis.
50 Euro kostet Übergepäck. Für einen Flug. Puh. Ich habe definitiv einen zu schweren Koffer und absolut keine Chance, noch mehr Sachen im Handgepäck zu verstauen. Und die dicksten Winterklamotten inklusive Winterstiefel ziehe ich an. Die vielen irritierten Blicke (bei meiner Ankunft in Frankfurt soll es 26 Grad haben) muss ich ignorieren. Hilft ja nichts. Immerhin: Ich schaffe es, mit nur einem Koffer wieder auszuziehen. Wird nur wohl ein teurer Auszug.
Wohnung geputzt, Backofen geschrubbt, Kühlschrank abgetaut, im Umziehen habe ich Routine. Hier geht es schnell. Meine ganzen neuen Küchenutensilien lasse ich auf dem Gemeinschafts-Wühltisch im Erdgeschoss, wie so ziemlich alle hier. Keine Ahnung, was sich der Vermieter dabei gedacht hat, als er in die Mail schrieb, dass wir nichts in der Wohnung lassen dürfen. Ergibt auch einfach sehr viel Sinn, dass der/die nächste Austauschstudent*in im Herbst wieder alle Sachen neu kaufen darf.
Um die Sonne noch ein letztes Mal hier auszunutzen, gehe ich mit einer Bekannten in ein Café und wir sitzen tatsächlich im Freien in der Sonne. Es gab Momente in den vergangenen Monaten hier, da konnte ich mir nicht einmal vorstellen, dass hier jemals die Sonne scheinen wird. So bin ich doch ein bisschen wehmütig und finde es schade, dass ich nur so kurz den Frühling in Helsinki mitbekommen habe.
Denn die Stadt ist jetzt eine ganz andere als im Januar, als ich ankam: Damals wurde es kurz vor neun morgens hell, jetzt wird es um vier hell und um elf dunkel. Damals waren alle Gewässer gefroren, bis weit in den April hinein hatte ich nur eine Vorstellung davon, wie wunderhübsch glitzernd und strahlend blau das Wasser am Strand hier sein würde. Die Bäume waren sehr lange kahl, jetzt blühen sie und die Blätter sind saftig grün. Im April erst hat die Stadt den Splitt von der Straße entfernt, davor war es aber auch einfach zu rutschig. Eines aber blieb immer: der Wind. Stadt am Meer eben. Einmal lief ich nur im T-Shirt draußen herum, sonst brauchte ich immer eine Jacke.
Dazu Corona: Die Kneipen und Bars waren im Januar noch geschlossen, aller Unterricht im Homeoffice, weder Sauna noch Fitnessstudio geöffnet. Inzwischen war ich auch einem Klub und fühle mich okay, wenn ich im Supermarkt keine Maske trage.
Finnland wurde Olympiasieger und Weltmeister im Eishockey, während ich hier war und stellte offiziell einen Antrag, der Nato beizutreten. Ein paar historische Momente habe ich also auch miterlebt.
Es ist schwer zu rekapitulieren, was in den vergangenen fünf Monaten hier alles passiert ist. Das will ich auch gar nicht, dafür gibt es ja den Blog, da steht alles aus dem jeweiligen Moment drin. Ich will den Blog übrigens weiterführen, denn über so viele Sachen habe ich noch nichts geschrieben, zum Beispiel die Fährfahrt nach Stockholm, die Städte Tampere und Turku, Helsinkis Bunkeranlagen, wie die Finn*innen so ticken.
Für mich war Finnland ein großes Abenteuer. Ich als Sommermensch (ich dachte immer, dass ich das bin) ziehe in die Kälte, zu den Huskys, Rentieren, und wo die Sonne nicht aufgeht. Letztlich hat es mich gelehrt, allem (besser: vielem) offen gegenüberzustehen. Denn wenn man Neues kennenlernt, erfährt man auch wieder mehr über sich selbst. So ging es mir zumindest. Damit genug Philosophie am Abend.
Morgen früh geht es nach Riga. Mit viel Helsinki-Herzschmerz – und ein paar Kilos zu viel im Koffer. Kiitos ja nähdään pian, Suomi!
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