Im Paradies

Kanu leihen an der finnischen Seenplatte? 50 Euro pro Tag! Schön sieht's trotzdem aus. (Foto: vk)

Endlich wird uns klar: Finnland besteht nicht nur aus Wald, sondern auch aus Wasser. Kayak fahren machen sie einem an der Seenplatte dennoch nicht leicht. Und auch der Campingplatz am Abend stellt uns vor ein paar Hürden.

Freitag, 20. Mai, Tag 6. Obwohl wir viel weiter südlich sind, geht die Sonne immer noch sehr früh auf. Gelegenheit für eine frühmorgendliche Joggingrunde in Kerimäki – leider schon in der fast brütenden Hitze. Dafür ist unsere Kulisse traumhaft schön: Wir laufen über Feldwege, die auf einer Landstraße münden. Eine Straße, die eine Art größere Brücke über einen See darstellt. Von beiden Seiten glitzerndes Wasser, zur linken Seite auf dem grünen noch ein paar Häuser mit großem Garten. Vor uns natürlich Wald. Nicoles Strava-Beschreibung für diesen (nur etwa fünf Kilometer weiten) Lauf: Im Paradies.

Der Tag war anders aufgebaut als die bisherigen. Schon das Frühstück war anders. Es war üppig und lang. Statt Porridge mit Obst gibt es Brote, Müsli, Eier, Karelian Pastries, Joghurt, Kuchen. Während wir uns wie zwei ausgehungerte Backpacker über alles hermachten, fütterte die Haushälterin eine Einjährige und bespaßte einen Jungen und ein Mädchen, die beide im Kindergartenalter waren. Dazu hüpfte der Cockerspaniel auf dem Fünfzigerjahre-Teppich im Kreis, weil er seinen Schwanz schnappen wollte. Kannst dir nicht ausdenken.

Wir fuhren zuerst zu Lusto, dem Finnischen Forstmuseum, das offiziell zu Savonlinna gehörte, aber mitten in der Natur lag. Von dort aus schlängelten sich mehrere Landstreifen zu einer sehr schmalen, rund zwei Kilometer langen Straße, die zur nächsten Halbinsel führte. Der Aussichtspunkt Vuosisadan Tie lag mitten auf dem schmalen Landstreifen, der sogar einmal zur schönsten Straße Finnlands gekürt wurde. Hierhin trauten wir uns nicht zu Fuß (zu schmal, zu viele Autos), sondern kehrten um und wollten das Panorama im Auto erleben.

Auf dem Weg zurück hörten wir im Gestrüpp am Wasser ein Rascheln und sahen kurz darauf einen ganzen Haufen voller Schlangen. Sie waren nicht viel dicker als ein normales Seil, graubraun mit ein paar hellen Stellen im Kopfbereich. Ich hatte später nachgeschaut und bin mir sehr sicher, dass es Ringelnattern waren. Überhaupt gibt es nur drei heimische Schlangenarten in Finnland (neben der Ringelnatter noch die Schlingnatter und die Kreuzotter).

Die Ringelnatter gibt es auch in Finnland: Sie mag es im Süden und sie mag Wasser. (Foto: vk)

Ihr merkt: Die finnische Seenplatte besteht aus vielen Inseln, Halbinseln, Landfetzen, die mit Brücken oder einfachen, sehr schmalen Straßen miteinander verbunden sind und Panorama-Rundumblick bieten. Mit ein abwechslungsreicheren Flora als im Norden (mehr als nur Nadelbäume, juhu!) und einer Fauna bestehend aus Säugetieren, Reptilien und natürlich Fischen. Bio-Exkurs beendet.

In der Stadt Savonlinna selbst (hier gehörte ja alles zur Region Savonlinna) schauten wir uns nur die Burg Olavinlinna an, die so schön symmetrisch auf dem Wasser thronte. Ich war bereits im März hier, als alles noch von Schnee bedeckt und der See gefroren war. Damals eine eher mystische Atmosphäre, jetzt eher Wanderurlaubsstimmung hier.

Da wir an der Seenplatte aber doch ein bisschen mehr als wandern und aufs glitzernde Wasser schauen wollten, fuhren wir in den nördlich von Savonlinna gelegenen Kolovesi-Nationalpark – und zwar zu einem Kanuverleih. Der bestand aber nur aus einem Holzhäuschen und ein paar Booten, die im Schotter davor lagen. Eine Frau, die sich gerade bereit für ihr Einerkayak machte, erklärte uns, dass wir beim Verleih anrufen mussten, dann den Zahlencode für das Schloss zur Hütte (und damit ein Paddel) bekommen und dann ein Boot nehmen konnten. Also rief ich den Kanuverleih an. 55 Euro für ein Kayak für den ganzen Tag. Ob ich es denn nicht auch nur für zwei Stunden haben könnte, fragte ich, für nen Zehner. Verstand die Frau nicht ganz, denn sie meinte, es sei doch viel besser, wenn ich es den ganzen Tag nutzen könnte. Ich möchte aber nur zwei Stunden fahren, sagte ich. Could you maybe make a special offer for us? Klar, sagte sie. 50 Euro! Ich gab auf.

Stattdessen machten wir – Überraschung! – eine Wanderung im Kolovesi-Nationalpark, die zwar schön, aber auch kein besonderes Highlight war. Dennoch: Es war schon spät (gegen fünf) und wir hatten noch keinen Schlafplatz. Gern sollte es eine Hütte am See mit Sauna sein. Doch was so einfach für uns aussah (überall hier im Süden fuhren wir an Holzhütten am See vorbei), war ein schwieriges Unterfangen. Alles teuer, weit entfernt, ohne Strom, ohne Sauna. Wir fuhren schon nicht mit dem allerbesten Gefühl zu unserer gebuchten Unterkunft. Und es wurde dort nicht besser.

Im Wesentlichen war das dort ein alter Campingplatz mit einer Handvoll Dauercamper, die abends in der Campingplatzkneipe saß und Karaoke sang. Der Besitzer war ein älterer, dickbäuchiger Mann mit verbundenem Finger, wobei der Verband aussah, als sei er die letzten fünf Jahre nicht gewechselt worden. Ganz ernst nahm uns der Kerl nicht, als er uns den Schlüssel zu unserer Hütte gab.

Ein paar Holzhütten standen oberhalb des Campingplatzes, wir bekamen Hütte Nummer 2 – und die Tür nicht auf. Also zurück zum Campingplatz zu dem Mann, der uns ohnehin schon nicht ernst nahm. Er kam mit uns mit und bekam die Tür auch nicht auf. Nicole grinste und wir bekamen den Schlüssel für Hütte Nummer 4.

Zwei Stockbetten, ein Tisch, ein Kühlschrank, eine Mikro. Abendessen musste auf der Küchenrolle statt auf einem Teller stattfinden und vom Klodeckel des Gemeinschafts-WC (keine Ahnung, ob außer uns noch andere Nicht-Camper da waren) wischte ich erstmal die toten Mücken. Aber gut, wir wollten ja Abenteuer. Nur hätten wir das wohl auch ein bisschen günstiger haben können.

Die Sauna am Abend, aus der wir leider erstmal ein finnisches junges Pärchen verscheuchten (wir wollten, dass sie mit uns blieben, sie eher weniger) entschädigte uns für den bisherigem Campinggraus. Sauna und anschließendes Baden im See bei Sonnenuntergang um halb zwölf. Wow.


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