Vielfahrerei

Blick auf den Tarhalampi-See von den Felsen im Koli Nationalpark. (Foto: vk)

Wir sind gefühlt den ganzen Tag im Auto unterwegs, kommen dabei auf weniger als halb so viele Schritte wie an allen anderen Tagen und haben nicht einmal eine Sauna am Abend. Dafür fühlen wir uns wie am Meer und bei Oma.

Donnerstag, 19. Mai, Tag 5. Von unserer Unterkunft in den Koli Nationalpark waren es rund drei Stunden. Ich war ein bisschen verwundert von der Distanz, da ich mir am Abend zuvor schon gedacht hatte, dass wir die größte Distanz für den Moment gefahren seien. Aber da hatte ich mich geirrt. Learning: Unterschätze niemals die Weitläufigkeit Finnlands. Die Ameisenstraße in unserer Unterkunft ignorierten wir (die war ohnehin schon vor uns da), suchten noch schnell den Schlüssel zur Wohnung (in der Jackentasche – Klassiker) und düsten dann ab. Eine Stunde durch den Wald, bis wir auf eine halbwegs große, geteerte Landstraße fuhren. Jetzt immer gen Süden.

Unser Radiosender Nova (später abgelöst von Me Naiset) hielt uns am Leben. Wir beide fuhren lieber, da wir als Beifahrerin zu schnell wegdösten. Stundenlang durch Wald und an Seen vorbei machte schläfrig. Versteht mich nicht falsch: Die Landschaft ist wunderschön in Finnland, nur Autofahren konnte eine harte Probe werden. Meistens wechseln sich die Tempolimits ab: Mal 80, mal 100. Im Süden stehen eindeutig mehr Blitzer als im Norden. Und manchmal gibt es sogar mehr Blitzer als entgegenkommende Autos.

Vier Stunden durch den Wald fahren, kann nicht nur physisch anstrengend sein, sondern auch finanziell. Ein Liter 95er Benzin kostet im Moment etwa 2,35 Euro in Finnland. Für den Spritverbrauch sind die Tempolimits schon fast ein Segen.

Als wir nach Mittag am Koli Nationalpark ankamen, hatten wir zwar Hunger, sind aber noch keinen Meter gelaufen heute. Zum zentralen Startpunkt der Wanderrouten führte ein kleiner, automatischer Lift, der mich sehr begeisterte. Er funktionierte wie ein Aufzug, nur fuhr er eben nicht in den nächsten Stock, sondern auf den nächsten Berg.

Der Nationalpark selbst fühlte sich mehr an wie ein gewöhnlicher Stadtpark. Während die bisherigen Nationalparks einfach aus Schildern und ein paar Karten zur Orientierung im Wald bestanden, standen hier mehrere Gebäude mit Hotels und einem Infozentrum. Dazu waren wesentlich mehr Menschen unterwegs und die Hauptrouten im Park recht kurz. Wir waren optimistisch, dass wir uns diesmal nicht verliefen und auch nicht umdrehen mussten und liefen einfach los. Recht schnell kommt man zu den zentralen Aussichtspunkten. Das waren nämlich einfach Felsblöcke, deren höchste Punkte man entweder per Holztreppe oder durch ein Kraxeln erreichte.

Die Aussicht von Akka Koli im Koli Nationalpark. (Foto: vk)
Die Aussicht von Akka Koli im Koli Nationalpark. Die beiden Seen rechts und links sind hier leider nur schwer zu erkennen. (Foto: vk)

Die Aussicht vom schönsten Punkt (Akka Koli) war sensationell: Links und rechts Wasser, in der Mitte ein schmaler felsiger und von Bäumen übersäter Streifen. Der Blick in die Ferne war unendlich. Ich hatte mir die Nationalparks in Kanada immer genau so vorgestellt. Wir liefen (allein) einen abenteuerlichen, schmalen und verwurzelten Pfad hinab bis zu einem Wasserfall und kletterten über Felsen zu einem guten Spot, an dem das Wasser direkt an uns vorbei rauschte. Weites Outback-Feeling und ein Wasserfall im Märchenwald – unsere Wanderung im Koli Nationalpark war mit knapp sechs Kilometern deutlich kürzer als alle anderen, dafür aber die bislang abwechslungsreichste.

Während sich an allen anderen Tagen bisher automatisch anhand unserer groben Route ergeben hatte, was wir als nächstes unternehmen und wo wir hinfahren würden, musste wir nun zum ersten Mal überlegen, wie unsere letzten beiden Tage aussehen würden und wo wir eine Unterkunft suchen wollten. Wir entschieden uns an diesem Tag einmal nicht für ein eigenes Cottage mit Sauna, sondern für ein Bed and Breakfast, eine Art Hostel in der Nähe von Savonlinna. Von dort aus wollten wir am Freitag die finnische Seenplatte und das Schloss in Savonlinna erkunden. Fahrzeit zu unserer Unterkunft: wieder drei Stunden. Da ich keine Lust hatte einzuschlafen, erklärte ich mich erneut bereit, die Fahrerin zu sein. Keine Sorge, wir wechselten uns ab.

In unserer Unterkunft in Kerimäki wurden wir freudig von einem Cockerspaniel begrüßt, ehe uns die Haushälterin durch das wirklich altmodische, aber verzückende Haus führte. In jedem Raum eine andere kitschige Tapete, alte Holzbetten, nur ein WC und eine Dusche im Gang für fünf Zimmer (die alle belegt waren). „I was so surprised. Tourists! Now!“, sagte sie dennoch zu uns und musste dabei überlegen. Sie hatte lange kein Englisch gesprochen, erklärte sie uns, da um diese Jahreszeit nur Einheimische ihre Gäste waren.

Das Wlan funktionierte nur im Gemeinschaftsraum, in dem sie auch das Frühstücksbüffet aufbaute. Wir schnappten uns zwei Teller, Besteck und schnippelten unser Gemüse für die Wraps. Zwei der einheimischen Gäste, die heimkamen und im Gemeinschaftsraum Fernsehen wollten, staunten nicht schlecht, als wir zwei da saßen und unser Abendessen vorbereiteten. So schauten wir eben ein in Portugal stattfindenden Autorennen mit finnischem Kommentar und blätterten Broschüren über Savonlinna durch. Sauna am Abend gefiel uns doch deutlich besser, aber charmant war diese Unterkunft allemal. Und nach dieser Vielfahrerei auch mal gar nicht so schlecht.


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