Wenn die Sonne nicht untergeht

Zwischen Schnee und Sommertemperaturen auf der Hängebrücke im Pieni Karhunkierros. (Foto: vk)

Die Bärenrunde hat es uns angetan: Der Pieni Karhunkierros, eine atemberaubende Runde mit allen vier Jahreszeiten in zwölf Kilometern und der Feststellung: Müde werden will gelernt sein, wenn es nicht dunkel wird.

Mittwoch, 18. Mai, Tag 4. Eine halbe Stunde hin, eine halbe Stunde zurück. Ich bringe Jonas zum Flughafen nach Kuusamo, von wo aus er nach Helsinki und dann hoffentlich wieder zurück nach Deutschland fliegt. Er habe aber auch nichts dagegen, wenn er in Helsinki strandet und sich in der Sompasauna einnistet, meinte er noch. Die Hippiesauna hat es ihm wirklich angetan. Der Flughafen in Kuusamo ist noch mehr Privatflughafen als der in Ivalo, aber solange der Flieger abhebt wäre mir das egal.

Wir sind trotz Privattaxi früher dran als sonst, da wir keine große Strecke fahren müssen, um zum Nationalpark zu kommen. Wie schon in den letzten Tagen sind wir die einzigen auf dem Parkplatz. Nicole dreht nach ein paar Minuten auf dem Weg um, die Jacke ist nicht warm genug. Sie wird ihre Entscheidung aber noch ein paar Mal bereuen.

Denn immer wieder schlägt das Wetter um. Wir wandern über Holzbretter durch eine Moorlandschaft, schlängeln uns durch das Dickicht, machen Halt auf einer Hängebrücke mit traumhaftem Ausblick. Ich binde mir die Jacke um (darunter immer noch T-Shirt und Pullover) und muss nach drei Minuten feststellen, dass es schneit. Kleine, feste Körner, die auf uns herunterprasseln, als wir durch den Wald laufen. Jacke an, Mütze auf. Meine Schuhe waren schon wieder nass, aber ich gewöhnte mich daran, dass das hier einfach dazu gehörte. Nach fünf Minuten war der Schneesturm beendet und ich startete einen neuen Versuch, mir die Jacke umzubinden.

Nach zwölf Kilometern und einer unglaublich schönen Runde, die voller Panorama-Bilder von Seen, Wasserfällen, Hängebrücken, Holztreppen, jeder Menge Wurzeln und einem Rentier im Wald war, freuten wir uns auf was Heißes und Süßes im Café. Die kleine Holzhütte stand direkt neben Start- und Endpunkt der Runde – doch es hatte geschlossen. Wie so viele andere Cafés, die wir ansteuerten während der Reise. Mai liegt nicht in der Saison, viele Gastronomen nutzen den Monat, um sich zu erholen – und auf die anstrengende Sommersaison vorzubereiten.

Wie ihr vielleicht schon bemerkt habt: Ich bin wahnsinniger Fan der Wasserspiegelungen in den Nationalparks..(Foto: vk)

Also wieder einmal: Apfel, Banane, Müsliriegel, Keks (und Nicoles Geheimtipp: Karotte mit Erdnussbutter) im Auto zur Stärkung. Es war das perfekte Timing von uns: Ein paar Minuten nach der Ankunft an unserem Polo fing es schwer an zu stürmen und zu schneien. Es dauerte diesmal ein bisschen länger. Es war erst 15 Uhr, aber die nächste Unterkunft, die für uns günstig lag und günstig war, mehr als drei Stunden entfernt. Wieder eine lange Autofahrt, aber es half ja nichts.

Wir sind beide passionierte Autofahrer und gern unterwegs. Zum Trip gehört nicht nur Wandern und Saunieren, sondern eben auch Autofahren. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich die Distanzen hier einfach unterschätzt habe. Auch jetzt: Wir fuhren fast eine Stunde abseits der großen Landstraße auf einer Schotterpiste durch den Wald, bis wir unsere Unterkunft erreichten. In Deutschland gibt es solche Weitläufigkeit und Einsamkeit nicht. In der Sompasauna sagte ein Finne zu mir: „When you hate people, Finland is perfect for you.“ Ich verstand täglich mehr, was er damit meinte.

Unsere Unterkunft lag mitten im Nirvana zwischen Kuusamo und Savonlinna, in der südlichen Hälfte Finnlands, aber doch noch nicht im Süden. Obwohl die Ferienhaus-Siedlung hier so mehr oder weniger einsam im Wald lag, war das Apartment selbst unglaublich toll. Viel Holz, Kamin, Schlafzimmer in der Galerie unter dem Dach, eine große Sauna mit Blick über die Baumkronen. Die Häuser lagen höher als der Rest des Waldes, sodass wir über die Bäume hinweg in die Ferne schauen konnten.

Unser Ausblick von Terrasse und von Sauna in der Unterkunft nahe Oulu/Puolanka aus – aufgenommen gegen 20 Uhr am Abend. (Foto: vk)

Die Bäume tauchten in helles Grün und Gelb ein, als die Sonne auf die schien. Die Baumkronen bildeten eine dünne, dunkelgrüne Linie. Der Himmel strahlte in schönstem Hellblau. Wir starrten stundenlang diesen Ausblick an, denn es wurde kaum dunkel. Hier oben im Norden wird es zur Sommersonnenwende nicht dunkel, doch schon jetzt merkte man das. Offiziell Sonnenuntergang war um zwei. Und gegen vier ging sie schon wieder auf. Nach elf verschwand die Sonne aus unserem Sichtfeld, die Bäume leuchteten nicht mehr so schön, aber dunkel war hier trotzdem noch nichts. Wir hatten bereits fast zwölf.

Gut, dass wir mit der Sauna immer eine schöne Abendbeschäftigung hatten und ich danach meist noch ein paar Sätze für den Blog schrieb. Das macht mich Abend für Abend ziemlich müde, doch vor halb eins etwa gehe ich nicht ins Bett. Jonas hatte mit der Helligkeit die größten Probleme. Er merkte sie schon in Helsinki bei mir und konnte mit Sonnenaufgang gegen halb fünf nicht mehr schlafen. Ich dagegen wusste erst durch ihn, dass die Sonne hier so früh aufging.

Vielleicht lag es auch einfach an den vielen Kilometern in meinen Beinen, den vielen Bildern in meinem Kopf und den vielen Fahrstunden im Auto, dass ich abends gut einschlafen konnte.


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