Abbruch im Schneesturm

Im Schneesturm in Richtung Gipfel bei Kittilä. (Foto: vk)

Die so schön geplante Wanderung bringt uns an unsere Grenzen und zur zweiten Kapitulation innerhalb von zwei Tagen. Unsere Lektion: Unterschätze nicht das Wetter in Lappland im Mai.

Montag, 16. Mai, Tag 2. Von den wohligen zehn Grad vom Vortag war nicht mehr viel zu spüren. In Nicoles Wetterapp zeigt es Schnee ab Nachmittag an, ich entdeckte die Schneeflocken schon beim Frühstück um 9. Dieser Tag konnte ja heiter werden. Nun gut: Wir waren hier in einer Region, noch immer gut 200 Kilometer nördlich des Polarkreises. Auf der anderen Seite konnte ich mir vor unserer Reise beim besten Willen nicht vorstellen, dass Mitte Mai noch immer Schnee liegt. Immerhin naht die Sommersonnenwende und es wird gar nicht mehr dunkel. Wenn da nicht der Schnee schmilzt, wann dann?

Wir fuhren in die Nähe von Kittilä, ein ganzes Stück südlicher von Levi, unserem Schlafort. Vielleicht würde das Wetter dort besser sein. Nach einer Stunde über Schotterpisten erkannten wir schon: Tolles Wetter wird das heute nicht mehr. Einen Versuch ist es trotzdem wert. Ich verfluchte mich schon jetzt dafür, dass ich meine Winterstiefel nicht eingepackt hatte (wofür hatte ich nochmal 250 Euro ausgegeben?!) und Nicole am Telefon vor unserer Reise riet, sie solle doch die Regenjacke daheim lassen. Regen gebe es hier überhaupt nicht. Klar, der Regen geht über Finnland hinweg, weiß man doch.

Von einer Pfütze stapften wir zur nächsten, der Regen wurde eher mehr als weniger und statt eines tollen Panorama-Blickes über den See starrten wir in den Nebel. Ist manchmal eben so. Ich behielt meine gute Laune und nickte, als Nicole fragte, ob wir uns doch auf den Gipfel wagen sollten. Na klar, umdrehen geht ja immer. Aber wir sind drei harte Hunde, die sehr ungern aufgeben. Also los.

Die Schlucht, die vermutlich zum Gipfel führte, war voll verschneit. Also kletterten wir auf den Hang und gingen dort ein gutes Stück nach oben, bis wir zu einem Geröllfeld kamen. Die Bäume waren fast komplett verschwunden, stattdessen pfiff uns der Wind um die Ohren, dazu wurde der Schnee immer schlimmer. Ja, aus dem Regen wurde hier oben tatsächlich Schnee. Einen Weg sahen wir schon lang nicht mehr, aber irgendwie machte es auch großen Spaß, auf den Steinen nach oben zu laufen. Nicole und Jonas gaben den Ton an, beide waren wesentlich flotter auf den wackeligen Steinen als ich. Vom Gipfel war nichts zu sehen, dafür flogen mir die Schneeflocken in die Augen. Zum Glück hatte ich meine Radlhandschuhe mitgenommen. Die Laufschuhe weichten einmal mehr durch.

Langsam fragte ich mich nicht mehr nur, wie wir hier zum Gipfel kommen sollten, sondern auch, wie wir hier wieder runter kommen sollen. Bei Bergabgängen tat ich mir immer schwerer als bei Aufgängen, dieser hier war aber besonders tricky durch den wackeligen Untergrund. Nachdem Nicole schon zum dritten Mal gefragt hat, ob wir weiterlaufen wollten (ihr als Bergziege schien es weniger auszumachen), gab ich nach und hielt es doch für den besseren Vorschlag, den Gipfel Gipfel sein zu lassen und stattdessen heil nach unten zu kommen.

Also robbte ich mich den Berg hinunter, zwischendurch hielt Nicole meine Hand (in der anderen hielt sie weiterhin munter lässig ihren Regenschirm), um mit mir sicheres Bergabsteigen zu üben. Bester Härtetest vermutlich. Letztlich schaffte ich es einfacher und schneller, als ich da oben im Schneegestöber dachte. Nass und durchgefroren marschierten wir stramm Richtung Auto, als im Wald ein Rentier an uns vorbeihuschte. Mit leicht flapsigem, dopsendem Schritt sprang es durch den Wald, schaute einen Moment zu uns und dopste dann weiter. Wow!

Ein Rentier mit uns auf Wanderung im Wald! (Foto: vk)
Ein Rentier mit uns auf Wanderung im Wald! (Foto: vk)

Da wir bei diesem herrlichen Wetter keine Lust auf einen weiteren Moment im Freien hatten, entschieden wir uns, nach Rovaniemi zu fahren. Das uns empfohlene Restaurant entpuppte sich leider als Laden mit zu kleinen Portionen bei zu hohem Preis, aber eine große Auswahl hatten wir nicht wirklich. Ein Montag im Mai ist in Rovaniemi (anscheinend) kein wirklich gewinnbringender Tag für die einheimische Gastronomie. Für mich war das alles trotzdem sehr fein: Härtetests gehörten zu jedem anständigen Trip – und was erwartet man von Lappland? Wenn es hier keinen Schneesturm haben darf, wo denn dann? Mit dem Rentier hatte die Wanderung sogar noch ein schönes Ende. Und: Wir wussten, dass am nächsten Tag alles besser werden würde.


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