Frühling in Lappland

Ein See im Lemmenjoki Nationalpark. (Foto: vk)

Der Roadtrip beginnt! Seit meinem letzten Besuch in Lappland sind fast zweieinhalb Monate vergangen – und siehe da: Schnee liegt immer noch. Doch es sieht anders aus.

Sonntag, 15. Mai, Tag 1. Von Helsinki nach Ivalo nach Etelärakka. Früh morgens ging unser Flug von Helsinki nach Ivalo, hoch in den Norden. Nachdem ich das letzte Mal eine siebzehnstündige Torturbusfahrt auf mich genommen hatte, um nach Lappland zu kommen, entschied ich mich dieses Mal für die bequemere und wesentlich zeitsparende (dafür umweltschädlichere) Variante Flugzeug. Eine Stunde fünfzehn Minuten bis Ivalo. Der Flughafen ist so klein, er hat ein bisschen etwas von einem Privatflugplatz. Neun Grad, ist vermutlich fast Hochsommer hier.

Unsere Reise im Norden startet und wir wissen absolut nicht, was uns erwartet. Ich war Ende Februar in Lappland, um Polarlichter zu sehen, Huskeyschlitten zu fahren und in Norwegen Eisbaden zu gehen. Das hier wird anders. Ich wollte unbedingt noch einmal nach Lappland – und zwar, wenn der Schnee geschmolzen ist. Zum Glück habe ich eine Abenteuerin im Freundeskreis, die gern in der Natur unterwegs ist und die crazy Tour mit mir macht. Dazu Jonas, der mich einfach in Helsinki besuchen wollte und spontan mitgekommen ist.

Wir fuhren keine drei Kilometer vom Flughafen weg, Richtung Supermarkt, als wir aus weiter Entfernung schon mehrere Rentiere auf der Straße erkannten. Bestimmt fünf, sechs Tiere, die auf der Straße und am Waldrand standen, kurz das Auto anschauten und munter weiter liefen und in der Gegend herum schauten. Unglaublich, dass sie nicht scheu waren. Als würden sie nicht einmal merken, dass sie von Menschen im Auto angestarrt und wie wild fotografiert werden.

Instantkaffee, Haferflocken, Äpfel, Bananen, ein Kilo Nudeln, Pesto – wir sind gerüstet für den Anfang. Luxushotel sieht anders aus, zum Glück. Wir fahren los, Richtung See, Richtung Café. Irgendwo wird schon eins sein, dachten wir, auf Koffeinentzug wohl ein bisschen zu optimistisch. Denn in Inari ist nichts. Ich dachte sofort an ein texanisches Dorf, das sich perfekt für eine Relotius-Reportage eignen würde. Unscheinbar mit tief verborgenen Leichen (natürlich nur in der Reportage). Das von uns angepeilte Café entpuppte sich als Beiwerk einer Tankstelle, also gingen wir zum (einzigen?) Hotel des Ortes. Frühstückszeit schon vorbei. Einen Kaffee und ein verschrumpeltes Cinnamon Bun bekamen wir noch.

Der Lake Inari sieht aus wie ein Märchensee. Ein paar Hügel in weiter Ferne, zahllose Bäume rund um den See und eine Weite – unfassbar. Das Wasser war noch gefroren an einigen Stellen, sodass wir darauf laufen konnten. Im Mai! Auf Eis laufen bei plus zehn Grad und mit Sonnenbrille. Es knarrte zwar ein wenig, aber das ist ja selbst im tiefen Winter bei Minusgraden oft nicht anders.

Der Lake Inari im Norden Lapplands ist selbst im Mai noch gefroren. (Foto: vk)
Der Lake Inari im Norden Lapplands ist selbst im Mai noch gefroren. (Foto: vk)

Wir fuhren weiter in den Lemmenjoki Nationalpark ein Stück Richtung Süden. Ein klein wenig hätte ich mich gern noch mehr in den lappischen Dörfern umgesehen und wäre noch einmal gern auf eine Rentierfarm gegangen. Auf der anderen Seite: Im größten Dorf weit und breit – Inari – waren wir und es war nichts los. Die Husky- und Rentierfarmen beenden ihre Wintertouristensaison im April, da wären wir ohnehin auf keine mehr gekommen. Und auch meine beiden Mitreisenden rissen sich jetzt nicht gerade darum, mehr über die Sami im Sami-Museum herauszufinden. Nein, den Kultururlaub hatte ich bei meinem ersten (winterlichen) Lapplandbesuch gemacht. Jetzt geht es raus in die Natur.

Lemmenjoki ist der nördlichste Nationalpark Finnlands und zugleich der größte mit fast 3000 Quadratkilometern. Erst nach unserer Wanderung dort habe ich gelesen, dass dort Braunbären, Wölfe, Elch und – natürlich – Rentiere leben. Letztere haben wir gesehen. Eines lebendig und aus der Ferne und eines tot an einem Baum, mit verdrehtem Kopf und bereits einigen ausgehöhlten Stellen. Ich konnte und wollte kaum hinsehen.

Vom Parkplatz aus liefen wir einfach los. Keiner von uns dachte, dass es eine große Runde werden würde, wir hatten nicht einmal einen Rucksack mit Wasser dabei. Wurde es dann aber doch, eher unfreiwillig. Wir liefen auf einem Bergrücken, der von Bäumen und noch viel mehr Baumwurzeln übersät war kilometerweit, die Jacken offen, hin und wieder schaffte es ein Sonnenstrahl durch die dichten Baumkronen durch. Rechts unter uns ein Fluss, den wir aber vor lauter Bäumen kaum erkannten. Links eine verschneite Sumpflandschaft, durch die auch das einzelne Rentier sprang. Wir standen vor der Wahl: Umdrehen oder weiter Richtung Gipfel. Klar gingen wir weiter – und zwar inzwischen durch den Schnee. Denn hier im Wald war längst nicht alles geschmolzen.

Baum an Baum im Lemmenjoki Nationalpark. (Foto: vk)
Baum an Baum im Lemmenjoki Nationalpark, dafür aber an den sonnigen Stellen komplett ohne Schnee. (Foto: vk)

Ich hatte nur meine Laufschuhe mit nach Lappland auf den Trip genommen, meine Wanderschuhe hatte ich in Finnland gar nicht dabei. Doch mit meinen Laufschuhen hatte ich recht schnell nasse Füße. Mehr als das: es war eine regelrechte Pfütze in meinem Schuh. Und schnell sahen wir auch keinen Weg mehr, wir liefen nur noch querfeldein und manchmal – huch – versanken wir bis zu den Knien im Tiefschnee. Es half nichts: Wir drehten um. Eine Wanderung ergibt auch einfach keinen Sinn, wenn man keinen Spaß mehr hat und sich nur noch quälen muss. Also gingen wir zurück, und das erstaunlich schnell.

Unser Apartment nahe Levi buchten wir mit Sauna. Natürlich (ganz schön Luxus, ich weiß! Aber so teuer ist das hier gar nicht, besonders in der Nebensaison nicht). Nicole und Jonas wollen hier gar nicht mehr ohne. Schlafen fällt vielen aber gar nicht so leicht, denn hier oben im Norden geht die Sonne fast nicht mehr unter. Rund zwei Stunden ist es nachts dunkel. Ich selbst war so müde, dass mir komplett egal war, wie es draußen aussah. Ich war sofort im Tiefschlaf und wachte erst nach fast neun Stunden wieder auf. Niemals schlief ich so lang. War ein anstrengender erster Tag. Mal schauen, ob ich mich an das Winterwetter noch einmal gewöhne.


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