Es gibt zwei Tage im Jahr, an denen finnische Student*innen sich selbst feiern – und dabei komplett eskalieren. An Vappu gibt es Met, Donuts, jeder trägt seine weiße Studentenmütze, einen bunten Overall und Helsinkis Innenstadt wird zur Partymeile.
Noch niemals in meinem Leben habe ich mehr Studenten an einem Ort gesehen wie hier in Helsinki und an diesem Tag. Und zwar an Vappu, dem 30. April, dem Tag, an dem sich die Studenten selbst feiern. Tausende Menschen in einfarbigen Overalls – neongelb, türkis, dunkelrot, schwarz, weiß, grün, orange – und weißen Mützen sitzen in Kaivopuisto, trinken und tanzen auf der Esplanadi. An diesem Tag ist jeder nochmal Student.
Schon Anfang Januar erzählte man uns von Vappu, der Tag ist hier wirklich bei jedem präsent. Tage vorher wird in allen Supermärkten Sima verkauft, ein metähnlicher, süßer gegorener Saft mit ein bisschen Alkohol. Dazu gibt es Tippaleipä, ein Fettgebäck, das aussieht wie Regenwürmer, die in ein Törtchen gepresst wurden. Schmeckt ganz gut, aber ich habe noch immer keine Ahnung, wie man es elegant isst. Deshalb greifen viele lieber zu Donuts, die es an Vappu auch überall gibt (schmecken wie Churros – Achtung Zuckerschock!).

Obwohl an Vappu alle Student*innen auf den Beinen und in der Stadt unterwegs sind, war die Party am Nachmittag in Kaivopuisto überschaubar. Zwei, drei Essens- und Getränkestände, eine riesige aufblasbare Rutsche, eine aufblasbare Arena, in der man mit aufblasbaren Stöcken gegeneinander kämpfen kann. Wirkte auf mich mehr wie Kindergeburtstag. Zum Glück mussten wir hier nicht ewig ausharren, um 17 Uhr fing das Programm auf der Esplanadi an. Hier war vielleicht was los! Auf dem Grünstreifen zwischen Mannerheimintie und Kauppatori drängten sich tausende Menschen. Verkäufer wollten Heliumballons mit Comicfiguren loswerden, es gab Hotdogs, Zuckerwatte und eine DJane versuchte, Stimmung zu machen.
Versuchte, denn wirklich gute Stimmung kam hier nicht auf. Vielleicht hatten wir einen undankbaren Platz erwischt, doch ich hatte das Gefühl, wir standen mitten im Durchgangsverkehr: Kinderwägen, Rollstühle und Unmengen an Student*innen drängten sich an uns vorbei – und immer, wenn ich Richtung Bühne schaute, stand ein Zwei-Meter-Mann vor mir (ja, das sind die Leiden kleiner Leute). Auf den Stromkästen saßen junge Frauen (in Overalls) mit Sektflasche in der Hand, Profis hatten ein Plastik-Sektglas mit einer Schleife am Overall festgemacht. Schlaue Sache.
Die Bühne stand direkt neben dem Brunnen der Havis Amanda, einer in Bronze gegossenen Meerjungfrau, die an Vappu traditionell von den Studierenden gewaschen wird und anschließend eine Studentenmütze auf bekommt. Wer jetzt aber denkt, diese jungen, verrückten Menschen klettern in den Brunnen und auf die Statue, um sie zu waschen, der irrt. Wir sind hier super High Tech: Etwa zehn Leute sitzen – ähnlich wie bei einem Kettenkarussell – in einer Vorrichtung und werden an einem Kran zuerst hochgezogen und dann bei der Statue heruntergelassen. Und zwar so weit, dass sie mit einem Besen die Statue schrubben können. Crazy sind sie, die Finn*innen.
Eine Stunde und ungefähr fünf (irreführende) Countdowns später dann die eigentliche Zeremonie, die in diesem Jahr zeitgemäß mit einer Impfung begann. Nachdem die Havis Amanda also frisch vakziniert war, wurde ihr festlich eine weiße Studentenmütze aufgezogen. Alle jubelten und wedelten mit ihren weißen Studentenmützen, es regnete Konfetti – und drei Minuten später war der ganze Spuk vorbei. Dann nämlich setzten sich die Menschenmassen in Bewegung.
Leider war unsere Idee „Hey, lasst uns alle vor dem Dom treffen!“ keine einzigartige. Besser gesagt: Jede*r hatte diese Idee. Umfallen war in diesem Gedränge schlicht nicht möglich. Ich war schon froh, wenn ich nicht den Atem meines Neben- oder Vordermanns (oder -frau) roch. Ernsthaft. Menschen mit Platzangst oder Angst vor (vielen) Menschen hätte ich geraten, schnellstmöglich aus der Stadt zu rennen. Gleichzeitig waren die vielen bunt angezogenen Menschen unglaublich beeindruckend. Auch wenn es (wohl fast) nur Student*innen waren, die die bunten Overalls trugen, fast jede*r hatte dieselbe weiße (oder gelb vergilbte) Studentenmütze auf, auch diejenigen, die vor 50 Jahren ihren Abschluss gemacht haben. Ich bin noch immer neidisch, dass wir in Deutschland diese schöne Tradition nicht auch haben.
Ich lief zur Senaatintori, zum Senatsplatz vor dem Dom, als es hinter mir hupte. Ein Linienbus hüpfte hinter mir her. Es war voller Student*innen, die den Bus zum Wackeln brachten, von links nach rechts. Der Busfahrer hupte und lächelte, zahlreiche Münder klebten an den Scheiben, noch mehr Hände klatschten gegen die Scheiben. Straßenkarneval war nichts dagegen. Wer nicht im Bus war, war auf der Straße oder in den Fastfoodläden dieser Stadt.

Entsprechend bot auch jeder Klub (oder Laden mit Musikbox) eine Vappu-Party an. Aber Achtung: Nicht überall kam man mit Overall hinein, auch nicht in Heidis Bier Bar, in der wir uns am Abend aufhielten. Dirndl hatte allerdings auch niemand an. Bier acht Euro, Cider 8,90 Euro. Statt Wiesnhits gab es Popmusik aus den Nuller Jahren und den frühen 2010ern, also wie damals, mit 16 im A65, unserer Dorfdisko. Der Boden klebte genauso und auch die Türsteher spielten sich genauso auf. Corona habe ich mir übrigens nicht (wissend) eingefangen. Doch gar nicht so schlecht, diese Bier Bar.
Vappu ging übrigens am nächsten Tag weiter. Am 1. Mai ist auch hier Tag der Arbeit – und für Student*innen gern ein Tag zum Feiern. Eine zweite Mütze bekommt die Halvis Amanda zwar nicht aufgesetzt, aber mit Sima und Donuts ist es im Park bei strahlendem Sonnenschein ja auch schön. Ich habe verzichtet. Mein Essay schreibt sich nicht allein und am Dienstag wartete bereits der nächste Besuch. Und einen crazy Vappu Päivä habe ich ja erlebt. Darüber bin ich wirklich froh: Wäre mein Auslandssemester auf das Spätjahr gefallen und hätte mir jemand von diesem Tag erzählt – ich hätte es nicht geglaubt.
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