Respekt vor dem Nachbarn

Eine frisch lackierte ukrainische Flagge, auf der Baustelle vor der Oodi-Library in Helsinki. (Foto: vk)

An dieser Stelle möchte ich ein paar Gedanken zur Rolle Finnlands in der aktuellen europäischen Politik schreiben. Finnland hat dabei keine besondere Rolle, wollten sie auch nie. Trotzdem schreibt gerade selbst in Deutschland fast jedes Medium über sie. Warum?

Häufig wurde ich in den vergangenen Monaten (logischerweise besonders seit Ende Februar) gefragt, ob ich denn hier etwas merke – vom Krieg, von der Auseinandersetzung zwischen Russland und der Ukraine, von Finnlands Überlegungen, in die Nato einzutreten. Vom großen Nachbarn, mit dem sich die Finn*innen 1300 Kilometer Grenze teilen.

Die einfache Antwort: nein. Man bekommt hier nichts von den Unruhen in Europa und in Russland mit, zumindest nicht mehr als in anderen westeuropäischen Ländern wie Deutschland. Die schwierigere Antwort: Normalität auf den Straßen Helsinkis bedeutet nicht gleich Normalität in Finnland, oder genauer gesagt: im finnischen Parlament, das letztlich mit seinen Entscheidungen das Leben der Menschen beeinflusst. Dort ist nicht alles so, wie es immer war.

Vorweg: Ich bin nicht bestens informiert (was logisch erscheint, da ich für ein halbes Jahr hier lebe und der Sprache nicht mächtig bin), gebe mir aber große Mühe, die Zusammenhänge zumindest grob zu verstehen. Ich habe mich dafür schon oft mit zwei Einheimischen unterhalten, die sehr viel von finnischer Politik verstehen. Außerdem beruht dieser Text auf meinen eigenen Schilderungen und Wahrnehmungen, ist also klar subjektiv.

Finnland hatte ja schon immer eine etwas andere Rolle in der europäischen Politik, bedingt durch seine geografische Lage und seine Historie. Finnland ist stark geprägt von Schweden und Russland, unter deren Herrschaft das Land viele Jahrhunderte stand, ehe es erst vor etwas mehr als 100 Jahren unabhängig wurde. Während sich das Verhältnis zu Schweden normalisierte, blieb das zu Russland immer ein wenig angespannt. Das liegt unter anderem an der Größe des Landes, an der Macht der russischen Armee und den späteren Konflikten (den Finnischen Winterkrieg 1939-40 verloren die Finnen, nach einer weiteren Niederlage mussten sie Gebiete Ostkareliens abgeben). Viele Finn*innen stehen der russischen Regierung misstrauisch gegenüber. Gleichzeitig gibt es viele, die Familie und Freunde in Russland haben oder selbst russischstämmig sind. Viele von ihnen verneinen den Krieg.

In Helsinki gibt es regelmäßig Protestaktionen gegen den Krieg und Unterstützung und Solidarität für die Menschen in der Ukraine. An Laternenmasten und Briefkästen kleben Ukraine-Kleber und Anti-Putin-Schriftzüge draufgekritzelt worden. Erst vor kurzem hat die Regierung angekündigt, mehr Geflüchtete aus der Ukraine aufnehmen zu wollen. Ich bin ehrlicherweise nicht sicher, wie gern Menschen aus der Ukraine nach Finnland flüchten – schon allein, weil sie erneut so nahe an Russland wären.

Der Zugverkehr nach Russland ist nach Angaben der finnischen Fernverkehrsseite komplett eingestellt, auch an den Fahrkartenautomaten kann ich kein Ticket mehr nach St. Petersburg buchen. Sobald ich am Schalter war und nachgefragt habe, ob tatsächlich kein öffentliches Verkehrsmittel mehr nach Russland fährt, werde ich diesen Artikel damit aktualisieren. Auch der Autoverkehr über die russische Grenze ist fast zum Erliegen gekommen. Das entnehme ich aber auch den Medien. Partnerschaften mit Russland wurden gekündigt. Jokerit, der Eishockey-Klub aus Helsinki, hat sich etwa aus der KHL zurückgezogen. Russ*innen sind auf ihren Cottages in Finnland nicht mehr willkommen. Das alles lese und sehe ich in den finnischen Nachrichten.

Dort lese ich auch von den Diskussionen über einen Nato-Beitritt, der inzwischen als sehr sicher gilt. Es ist das große Gesprächsthema, nicht nur in Helsinki. Selbst die deutschen Medien sind voll davon, kaum einer kann es so wirklich verstehen, was Sanna Marin und ihre Regierung antreibt, dem Verteidigungsbündnis beizutreten – und dann auch noch so plötzlich und so schnell. Für mich gibt das alles schon Sinn.

Finnland rühmt sich von jeher für seine Neutralität. Finnland hält sich aus allem heraus und hält am besten auch noch seinen Mund. Das bringt sie nicht in unnötige Schwierigkeiten, zum Beispiel gegenüber Russland. Russland sieht sich vom westlichen Bündnis (EU und Nato) öfter eingeengt oder gar bedroht. Tritt Finnland in die Nato ein, gelangt das Bündnis (dessen Mitglied ja auch die USA sind) direkt an die russische Grenze. Ein Affront für sie.

So ganz stimmt das aber nicht mit der finnischen Neutralität und Bündnisfreiheit. Finnland ist zum Beispiel Mitglied der Europäischen Union und hat den Euro als Währung. Allein schon dadurch beziehen sie klar Stellung. Auch durch die enge Zusammenarbeit mit der Nato in den vergangenen Jahren ist klar, wem sich Finnland zugehörig fühlt. Durch den Angriffskrieg Russlands gegen ein Nachbarland haben die Finn*innen den Verdacht, dass das vielleicht nicht mehr reicht. Im Falle eines Militärschlags Russlands gegen den nordischen EU-Nachbarn wäre dieser besser geschützt, wenn er Mitglied der Nato ist. Wie kompliziert Unterstützung sonst sein kann, sieht die ganze Welt gerade am Beispiel Ukraine. Auch klar: Finnland wäre als EU-Mitglied von vornherein stärker geschützt und unterstützt als die Ukraine.

Mich wundert, wie schnell das Nato-Thema hier groß wurde und wie sicher sich die Finn*innen inzwischen sind, dass sie dem Bündnis beitreten werden. Die finnische Regierung um Sanna Marin hat – meines Empfindens nach – einen ganz guten Überblick über das Empfinden der Bürger*innen. Und dass ein Bürgerentscheid so schnell so viele Stimmen erhält, ist bezeichnend. Klar muss es schnell Thema im Parlament werden. Von Affekthandlung – die übrigens sehr untypisch für Finnland wäre – kann allerdings keine Rede sein. Nach allem, was ich Nachrichten und persönlichen Gesprächen entnehme, bin ich mir sicher, dass Finnland seinen Nato-Beitritt gut plant und schon seit einer ganzen Weile mit den anderen Mitgliedsstaaten Gespräche führt.

Gerade erst vor ein paar Tagen hat Russland mit Konsequenzen gedroht, sollten Schweden und Finnland der Nato beitreten. Das zeigt ganz klar, dass Russland seinen nordischen Nachbarn (wieder) als Gegner wahrnimmt. Wie die Konsequenzen aussehen sollen, weiß hier niemand genau. Viele nehmen die Androhung kaum ernst, denn: Die finnische Armee ist groß und gerüstet, Russland hat (schon jetzt) im Krieg gegen die Ukraine gezeigt, dass sie Probleme haben. Auch aus geopolitischer Sicht würde es wenig Sinn ergeben, Finnland anzugreifen, habe ich mir sagen lassen. Und, wie gesagt: Finnland wäre geschützt. Aber: nicht direkt.

Von der Antragstellung bis zur Aufnahme in die Nato würde mindestens ein halbes Jahr vergehen. Wenn Russland tatsächlich etwas gegen Finnland unternehmen sollte, dann am ehesten in dieser Zeit. Es muss nicht alles Sinn ergeben; Russlands Krieg gegen die Ukraine ergibt keinen Sinn. Jemand hat mir gesagt, der russische Präsident wolle sich vor seinem Tod sein Vermächtnis aufbauen. Wohin das führt, weiß niemand.

Finnland will mit Rationalität dagegen halten. Aus rationaler Sicht ergibt ein Nato-Beitritt jede Menge Sinn. Mit einigen Konsequenzen, von denen sicher nicht alle positiv sind.

Schreibt mir gern Eure Meinung zum Thema, zu einem Nato-Beitritt Finnlands, zur Rolle der Finn*innen in der Europapolitik etc. Ihr wisst, wie ihr mich erreichen könnt.

Hier noch ein paar Links zu interessanten Beiträgen zu diesem Thema:

Spiegel-Interview mit dem ehemaligen finnischen Premier-Minister über Chancen und Risiken des Nato-Beitritts (18. April 2022)
FAZ-Reportage zu Finnlands besonderem Verhältnis zu Russland (17. April 2022)
SZ-Reportage über die Initialzündung zu Finnlands Nato-Beitritt (13. April 2022)
Weltspiegel-Doku über die neue Einteilung in Europa (16. April 2022)


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