Ist da etwa die Sonne?

Die Eisschollen sind geschmolzen, die Wege wieder frei: Auf dem Spazierweg südlich des Olympia-Terminals in Helsinki (Foto: vk)

Kaum zu glauben, aber in Helsinki scheint tatsächlich der Frühling angekommen zu sein. Ich traue dem neuen Lebensgefühl noch nicht ganz. Die Gehwege sind zwar enteist, doch die Winterjacke bleibt besser noch griffbereit.

´Diese Woche besucht mich eine frühere Unifreundin zusammen mit ihrem Freund. Die beiden sind die ersten, die das neue Helsinki kennenlernen. Der Schnee ist fast komplett weggeschmolzen. Weiße, schneebedeckte Flächen gibt es nur noch im Schatten im Park und einige Schneeberge stehen auch noch an Straßenecken, sonst ist alles weg. Die Gehwege sind frei, selbst die Kiesberge, die den ganzen Winter über ein ums andere Mal auf die Eisflächen gekippt wurden, sind weggeräumt. Die vielen Wasserpfützen vor Ampeln und Fußgängerüberwegen sind geschrumpft oder ausgetrocknet. Und als würde das nicht reichen, hat auch noch die Sonne die Regen- und Schneewolken und den undefinierbaren grauen Matsch am Himmel verdrängt.

Eine ganz neue Stadt in ganz neuem Glanz. Ich war mir sicher, dass Sandra und Marvin gestern sehr irritiert waren von meiner übermäßigen Sonneneuphorie. Na gut, hier hatte es – anders als auf dem Ländle in Baden-Württemberg – noch keine früh-sommerlichen 20 Grad gegeben in diesem Jahr. Wir geben uns hier mit früh-frühlingshaften Temperaturen mehr als zufrieden. Sie glaubten mir wohl nicht, als ich ihnen von vereisten Straßen noch in der vergangenen Woche erzählte.

Tervetuloa kevät! Herzlich Willkommen, Frühling! Schon fast hatte ich die Hoffnung aufgegeben, nun scheint er (in letzter Sekunde!) doch noch einmal ‚Moi!‘ sagen zu wollen. Nun. Ich winke verhalten, aber werde dem Frühling wohl noch nicht in die Arme fallen. Dafür bin ich zu sehr verletzt worden. Rückblick: Schon Mitte März hatte der Frühling einmal kurz durch das Fenster gelugt – es hatte zwölf Grad! – und sich dann doch wieder verzogen (HIER habe ich über das Winter-Comeback geschrieben). Noch vergangene Woche kämpften meine Mama und ich dem Schneesturm auf Suomenlinna entgegen.

Trotz aller Frühlingsgefühle: Rund um das Café Regatta im Westen der Stadt ist die See noch gefroren und ein bisschen Schnee liegt auch noch. (Foto: vk)
Trotz aller Frühlingsgefühle: Rund um das Café Regatta im Westen der Stadt ist die See noch gefroren und ein bisschen Schnee liegt auch noch. (Foto: vk)

Immerhin eines stimmt mich positiv: Sollte der nächste Wintereinbruch (ich bin mir sicher, er wird kommen!) wieder zu Schnee und Kälte führen – die lästige, zentimeterdicke Eisschicht auf den Wegen ist weggetaut und kommt auch nicht wieder. Eine Bekannte, die in Helsinki wohnt, schickte mir zu Beginn meines Finnland-Abenteuers ein Meme, auf dem eine nasse, vereiste Straße zu sehen war. Dazu der Satz: „How finnish winters are trying to kill you“. Dieses Bild hatte sich seitdem in meinen Kopf gebrannt. Nun kann ich aus Überzeugung sagen: survived.

Völlig übermütig gehe ich nun in Hoodie und Lederjacke aus dem Haus. Aber meine Winterjacke bleibt daheim griffbereit. Den Wetterbericht schaue ich ohnehin nur selten an (und zu oft hat er mir Angst gemacht). Heute Morgen saß ich in Ufernähe im Freien. Trotz strahlenden Sonnenscheins zog mir ein kalter Wind in den Nacken. Und schon vermisste ich den Schnee ein bisschen, denn mir wurde wieder einmal klar: Nicht Schnee und Kälte sind das Problem. Der Wind ist dein übelster Gegner in Helsinki. Schnell setzte ich die Mütze auf. Die hatte ich für alle Fälle in den Rucksack gepackt. Ich wusste, weshalb.


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