Euphorie auf finnisch

Die Spieler des IFK Helsinki vor einem Playoff-Spiel gegen Turku. (Foto: vk)

Alle Spiele des IFK Helsinki, die ich live gesehen habe, haben sie gewonnen. Doch mein Support hat nicht gereicht, sie sind im Viertelfinale der Playoffs ausgeschieden. Über eine Sportart, in der die Finnen top sind – und bei der sie dennoch so herrlich unemotional sind.

Damit ein Finne (oder eine Finnin) ausrastet, muss schon wirklich viel passieren. Ein Olympia-Sieg ist so ein Ereignis. Die finnische Eishockey-Nationalmannschaft hat am 20. Februar zum ersten Mal überhaupt die Gold-Medaille beim olympischen Eishockeyturnier gewonnen – und die Menschen in Helsinki sind komplett eskaliert. Ich sah Videos von nackten Finnen (bei Minusgraden!), die auf Bäume geklettert sind, umringt von dutzenden anderen Menschen ins zugefrorene Meer gepinkelt haben und sich komplett betrunken über den Marktplatz gerobbt haben. Was man eben so macht. Als sie 2011 im WM-Finale Schweden besiegt haben, soll es übrigens noch viel schlimmer gewesen sein. Die Polizei hat damals geschworen, zu solch einer Eskalation dürfe es nie wieder kommen.

Und dann sitze ich in der Jäähalli, der Eishalle, der Heimat des IFK, und in meinem Block gibt es noch freie Plätze. Ich selbst habe mir am Spieltag problemlos eine Karte in meinem Wunschblock besorgt. Playoff-Viertelfinale gegen Turku. Scheint die Finnen nicht gerade in Ekstase zu bringen. Dreimal war ich beim IFK, zweimal in den Playoffs, nie war die Halle ausverkauft. Ich würde an dieser Stelle gern mehr Werbung machen für Eishockeyspiele in Finnland. Versteht mich nicht falsch, wäre nicht leider ausgeschieden, ich wäre noch munter weiter hingegangen! Aber eines will nicht in meinen Kopf: Eishockey ist Nationalsport Nummer eins, Finnland ist vor wenigen Wochen Olympiasieger geworden, es sind Playoffs – warum zur Hölle ist die Halle nicht ausverkauft?! Hier ein paar Erklärungsversuche (weitere sind gern willkommen!).

Finnland ist ein wahnsinnig pragmatisches und nüchternes Land, so viel habe ich inzwischen schon mitbekommen. Wie oben beschrieben: Es muss wirklich viel zusammenkommen, damit Finn*innen ausrasten. Ein Playoff-Viertelfinale des IFK Helsinki gegen Turku gehört noch nicht dazu. IFK hat eine mittelgute Saison gespielt, sie auf dem fünften Platz beendet, für die Playoffs hat es gereicht, wahre Überlegenheit sieht aber anders aus. Tja, spätestens seit dem Olympiasieg (natürlich schon viel früher) ist der finnische Eishockeyfan erfolgsverwöhnt.

Das erkennt man auch an der überschaubaren Zahl an Ultrafans, die es sich hinter dem Tor gemütlich macht und gespickt mit zwei, drei größeren Plakaten (eine Stones-Zunge ist auch immer dabei) munter „I – Eff – Kooh“ blökt. Die Stimmung war bisher immer gut, aber nie elektrisierend und euphorisierend (ich hätte gern etwas anderes berichtet, aber das ist leider die Wahrheit). Als Fan der Adler Mannheim weiß ich, was frenetische Fans und eine tolle Stimmung in der Halle ausmachen können (man denke erst an die Kölner Haie oder die Eisbären Berlin!). Und selbst der EHC Red Bull München, dessen Spiele ich regelmäßig besuche (vor Corona natürlich), hat eine kreativere Show, tolle Musik- und Lichtelemente.

Auf einer ganz persönlichen Weise eigenartig finde ich, dass es nur salziges Popcorn zu kaufen gibt (obwohl ich selbst süßes Popcorn nie esse) und die Zuschauer*innen auf den Rängen kein Bier trinken (‚Die nehmen hier ja sogar Bier mit in die Sauna – warum nicht in die Eishalle?‘ wunderte sich meine Mama). Ich konnte beim ersten Googeln leider nicht herausfinden, ob Bier in der Halle verboten ist. Auf beiden Ebenen der Halle gibt es unzählige Bier-, Wurst- und Süßigkeitenstände, aber nur wenige Möglichkeiten, Merch zu kaufen. Bis jetzt ist mir eigentlich nur einer in Erinnerung. Die grau-blaue Baseball-Cap mit dem IFK-Logo wird mein Geburtstagsgeschenk.

Zudem sind die Ticketpreise mit 20 bis um die 50 Euro (was Logenplätze kosten, habe ich natürlich gar nicht erst geschaut!) nicht günstig. Okay, nichts in Finnland ist günstig. Für Student*innen gibt es Tickets dafür schon ab elf Euro, das ist fair.

Das klingt alles negativer als es klingen sollte. Denn dass die nüchternen Finnen plötzlich zum Showmaster und Partybiest werden, ist ebenso unwahrscheinlich wie unpassend. Vielleicht sollte man die finnische Liiga und die Deutsche Eishockey-Liga DEL, sportlich auf einem niedrigeren Niveau, deshalb auch gar nicht erst miteinander vergleichen. Und tatsächlich finde ich die Sirenen, die nach einem Tor ertönen, mehr als charmant. Das LED-Band unterhalb des Videowürfels über dem Eis (sorry für dieses komplizierte Konstrukt) fängt an zu blinken wie das Licht auf einem Feuerwehrauto, dazu der einsetzende Alarm, der nach wenigen Sekunden von einem sehr eingängigen Gitarrenriff abgelöst wird. Spätestens jetzt stehen die Zuschauer*innen von den Sitzen auf und klatschen fröhlich im Takt. Wundervoll!

Ich bin gespannt, ob der andere Eishockey-Verein aus Helsinki, Jokerit, in die Liiga zurückkehrt. Seit 2014 bis Februar 2022 spielte der Klub – der wesentlich bessere und größere in Helsinki – in der besseren russischen Kontinentalen Hockey-Liga (KHL), zog sich jedoch wegen der bekannten Umstände zurück. Zwei Drittel der Liiga-Klubs würden sich aktuell über eine Rückkehr in die finnische Liga freuen, das ergab eine Umfrage des Senders Yle – allerdings müssten sie sich dafür neu aufstellen. Die heimische Hartwall-Arena ist etwa in russischem Besitz, auch von allen anderen russischen Abhängigkeiten, die sich in neun Jahren Liga-Zugehörigkeit ergeben, müsste sich Jokerit lösen. Sollte ihnen das gelingen, kann sich die Liiga auf eine spannende neue Spielzeit freuen.

Vielleicht wird dann ja auch die Euphorie beim IFK Helsinki wieder größer (es gibt schließlich wieder Derbys!). Bis dahin verfolge ich gespannt, wer finnischer Eishockey-Meister wird und – ach ja, die Eishockey-WM im Mai findet auch in Finnland statt. Freue mich schon auf ausrastende Finn*innen.

Hier könnt ihr übrigens die Zusammenfassung (inklusive finnischem Kommentar!) von einem Playoffspiele gegen Turku ansehen.


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