Talinn liegt nur zwei Fährstunden von Helsinki entfernt. Im Vergleich zur finnischen bietet die estnische Hauptstadt eine nette historische Altstadt mit Aussichtspunkt, Sehenswürdigkeiten, die keinen Eintritt kosten – und natürlich billigen Alkohol.
Wie viele Menschen passen eigentlich in ein Rettungsboot? Diese Frage stellten wir uns, während wir in einer riesigen Schlange vor dem Drehkreuz standen, hinter dem ein schmaler Gang auf die Fähre führte. Viele Menschen standen mit uns an, unter uns rollte munter ein LKW nach dem anderen in das Schiff. Noch nie war ich mit so einer großen Fähre gefahren. Ich fragte mich, wann ich überhaupt das letzte Mal mit einer Fähre gefahren bin.
Die Erzählungen stimmten. Man konnte schon auf dem Schiff Alkohol kaufen, man musste nicht einmal estnisches Festland betreten haben, um für die nächste Party ausgestattet zu sein. Alles, was ich bislang über Talinn wusste: 1. Es ist nicht weit weg. 2. Du willst ne Party schmeißen? Fahr‘ vorher nach Talinn. Alles andere ist unbezahlbar. In Erasmus-Whatsapp-Gruppen wird regelmäßig gefragt, ob noch jemand ’ne Flasche Wodka brauche, jemand ist mal was in Talinn. Ich wusste Bescheid. Und doch überraschte mich dieser Pragmatismus.
Zwei Stunden brauchte die Fähre. Angesichts der gerade einmal 80 Kilometer des finnischen Meerbusens, die beide europäischen Hauptstädte voneinander trennt, ist die Fähre verdammt langsam, dachte ich mir. Es ist aber wohl die normale Geschwindigkeit. Mit der Fähre fahren ist wie fliegen, nur einfacher. Man braucht auch ein Ticket, muss einchecken, das Drehkreuz passieren, boarden. Und am Ende wieder aussteigen. Sicherheitskontrollen gibt es keine, die Rettung für Alkoholtransporteure.
Es ist auch so einfach (lang lebe die EU!): Nach zwei Stunden waren wir da, liefen die paar Meter in die Innenstadt und konnten dort den Tag ohne Ausweiskontrolle oder Geldumtauschen verbringen. Erschreckend einfach. Es gibt Lidl und McDonald’s, Einkaufszentren und Souvenirläden. Und angeblich viel günstigen Alkohol.
Davon sah ich zunächst nichts, als wir durch das Stadttor in die historische Altstadt liefen. Durch schmale Gassen mit kleinen Läden, ab und zu tauchte mal eine Kapelle oder Kirche auf. Shops und Supermärkte suchte man hier vergebens. Kleine Lädchen mit selbstgemachten Andenken, Deckchen, Kunst waren das Höchste der Gefühle. Die Fachwerkhäuser nahe des Rathauses erinnerten mich an das Stadtbild Tübingens.
Der Bezirk Vanalinn, auf deutsch „Innenstadt“, wurde 1997 zum Unesco Weltkulturerbe ernannt und liegt leicht erhöht auf dem Domberg. Wir orientierten uns an der Stadtmauer um hoch zum Aussichtspunkt zu gelangen. Der Weg ist weder weit noch besonders steil, doch der Boden mit den herausstehenden Steinen macht es noch schwieriger zu laufen als auf Kopfsteinpflaster.

Von oben ist die Aussicht dann leider gar nicht mehr so spektakulär. Wie auch, wenn der schönste Teil der Stadt genau unter dir liegt? Eigentlich müssten Aussichtspunkte grundsätzlich an einem eher hässlichen Ort etwas außerhalb der Stadt liegen, um einen tollen Blick zu garantieren. Nun ja, wir konnten immerhin auf den Hafen blicken, von dem aus wir gerade in die Innenstadt gelaufen sind. Auf dem Weg nach unten gingen wir in die Alexander-Newski-Kathedrale, die von innen jedoch nicht einmal ansatzweise so beeindruckend ist wie von außen. Allerdings habe ich auch Angst vor opulent geschmückten, mit dunklem Holz und allerlei Heiligenfiguren ausgestatteten Gotteshäusern. Entsprechend war ich schneller wieder draußen als mein Reisepartner Daniel schauen konnte.
Wer in diesem Artikel übrigens Reisetipps für Talinn erwartet, den muss ich leider enttäuschen. Ich hatte mir vorher keinen einzigen Reiseführer durchgelesen und nicht einmal die Google-Tipps studiert. Mein Motto: Du hast sechs Stunden, schau‘, wie du zurechtkommst. Bei meinem zweiten Talinn-Besuch werde ich hoffentlich sensibler auf die Sehenswürdigkeiten um mich herum achten. So jedoch liefen wir an vielen Denkmälern und Statuen vorbei statt das Handy zu zücken und den Namen zu googeln.
Im Gegensatz zu Denkmälern waren Supermärkte in der Altstadt Mangelware. Ich glaube noch immer, es gibt keinen einzigen und liege damit höchstwahrscheinlich falsch. Gut versteckt muss er aber sein. Also liefen wir ein paar Meter hinaus aus dem historischen Zentrum – und in eine andere Welt. Plötzlich zierten Glasbauten und Bauzäune, Industrieparks und mehrspurige, laute Straßen das Stadtbild. Eine komplett andere Stadt. Ich sehe viele Lidl-Plakate am Straßenrand, aber weit und breit keinen Lidl. Auch keine Alko-Shops, von denen mir im Wohnheim erzählt wurde.

Leicht versteckt hinter Tramgleisen fand ich den Eingang zu einem Einkaufszentrum, von dem ich erst dachte, es sei eine Parfümerie. War es im ersten Moment auch, da wir erst durch die Duftabteilung mussten, bis wir sahen, dass es da noch mehr gab. Zum Beispiel einen Supermarkt! Mit einer Bier-, Wein und Spiriuosenabteilung! Vermutlich denkt ihr nun alle, ich sei hochgradig alkoholabhängig – glaubt mir, bei den finnischen Preisen für Bier und Wein ist das 1. gar nicht möglich und 2. mehr als logisch, in anderen Ländern nach bezahlbaren Alternativen zu schauen.
Bezahlbar sind sie, die Alternativen in diesem estnischen Supermarkt, aber günstig nicht wirklich. Eine 0,5er Dose Bier „Alexander Bohemian“ (mit goldgelbem Anstrich) kostet 1,50 Euro, eine Flasche Münchner Hell von Paulaner (ich bin mir nicht sicher, ob ich das wirklich in Estland probieren möchte) sogar 2,50 Euro. Okay, okay. Gegenüber dem unverschämten Wucherpreis von knapp vier Euro pro Flasche in Finnland ist das ein guter Preis. Aber nicht günstig. Ich deckte mich trotzdem mit Bier und Cider ein, um einen kleinen Vorrat für die kommenden Wochen zu haben. Viel passte ja auch nicht in meinen Rucksack. Am Ende gab ich der Kassiererin die gewünschten 20 Euro für etwa acht Flaschen plus Mittagessen, was ich absolut in Ordnung fand.

Einen Alkostore hatte ich übrigens bis zum Schluss nicht gefunden – das flüssige Glück (nein, nicht felix felicis!) war es mir aber auch nicht wert, noch weiter in den übrigen Bezirken danach zu suchen. Wir verbrachten den Nachmittag lieber im hippen Szeneviertel Kalamaja, in dem viele Kreative ihre Kunst- und Handwerke in kleinen Lädchen in der Markthalle ausstellen und verkaufen und Streetfood im Bauwagen vor der Halle gegessen wird. Alles wirkt ein wenig heruntergekommen, aber auch wahnsinnig dem Zeitgeist entsprechend. Überhaupt hat ja inzwischen fast jede Stadt einen alternativen Stadtteil (der gerade dadurch sehr Mainstream ist).
Auf der Fähre zurück nach Helsinki trank ich meinen ersten Cider, mit Rhabarbergeschmack (leider ein ziemlicher Reinfall) und war damit in bester Gesellschaft. Obwohl: Die meisten „Alkoholtouristen“ um mich herum tranken Bier oder Mischgetränke. Gin-Mische in der Dose steht hier hoch im Kurs. Dabei fielen mir die Dimensionen auf, in denen andere Leute in Talinn einkauften: Palettenweise stapelten sich die Dosen auf Sackkarren – und bald wurde mir auch klar, weshalb so viele hier mit großen Koffern unterwegs waren.
Da musste ich wieder an das Rettungsboot von heute Morgen denken – und an die Frage, ob wohl eher Mensch oder Gin-Dose gerettet werden würde. Ich habe zur Sicherheit nochmal gegoogelt: Ethanol hat eine geringere Dichte als Wasser. Glaube dennoch, dass der Koffer nicht von selbst schwimmen würde. Und entscheide mich dagegen, bei meinem nächsten Talinn-Besuch selbst einen Koffer mitzunehmen.
Es gibt täglich mehrere Fähren zwischen Helsinki und Talinn von verschiedenen Anbietern. Das lässt sich leicht googlen. Die Preise variieren stark, wir haben zehn Euro für Hin- und Rückfahrt zusammen gezahlt. Die Fahrt dauert etwas mehr als zwei Stunden.
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