Die Sámi haben sich in Lappland schon vor über 1000 Jahren ihre eigene Welt geschaffen. Sie sind ein indigenes Volk, leben also in besonders enger Verbindung zur Natur. Das kann im Winter ganz schön hart sein, ist aber moderner, als man glaubt.
Die erste Frage an unseren Tourguide der Nuorti Rentierfarm war: Woher kommt der Mythos, dass Rentiere rote Nasen haben? Es war die einzige Frage, die er nicht beantworten konnte. Ansonsten wusste er alles über Rentiere. Natürlich. Denn Rentiere sind sein Leben – und das seiner Familie.
Nuorti Reindeer liegt in Inari, dem Zentrum der Sámi in Finnland. In Inari gibt es nicht nur viele Rentierfarmen, sondern auch das Sámi-Parlament, das Sámi-Museum und das Sámi-Kulturzentrum. Menschen von dort sind deshalb auch die „Inari-Sámi“. Etwa 10.000 Sámi leben in Finnland, die anderen leben in Norwegen, Schweden und Russland. Die Sámi Universität zum Beispiel hat ihren Sitz in Kautokeino, Norwegen. Die Sprache Inari Sámi wird nur von rund 300 Menschen gesprochen, populärer sind Nordsámi und Skolt Sámi. Als wir nach Norwegen gefahren sind, hat uns unsere Tourguide beispielsweise Musik eines Inari-Sámi-Rappers vorgespielt, dessen Texte nur 300 Menschen verstehen.
Die Sámi in Finnland haben sich ihre eigenen Gedanken gemacht, wie sie mit dem Älterwerden und der Pflege der Kranken und Alten umgehen. Sie definieren Pflege als „Kontrolle haben“ (finnisch: Hyvin Pärjääminen, Nord-Sámi: Bures birgen), was bedeutet, dass alle Komponenten – die materielle, psychologische, soziale, mentale und ethische – idealerweise im Gleichgewicht sind. Das gefährliche Leben der Ureinwohner Lapplands mit ihren Rentieren war auch ein Grund, weshalb sie sich schon immer mit Pflege, Vorsorge und Fürsorge beschäftigen mussten, denn zusätzlich zu den verbreiteten Krankheiten der letzten Jahrhunderte (Pocken und andere Viruskrankheiten etc.) mussten sie stets mit extremen Temperaturen und in jüngerer Vergangenheit mit dem Klimawandel zurechtkommen. Die Permafrostböden im Norden schmelzen immer schneller.
Die Sámi haben eine starke Beziehung zur Natur. In Nord-Sámi gibt es etwa 200 Wörter, die „Schnee“ ausdrücken. Viele Sámi in der Region Inari leben auf und von Rentierfarmen und vom Fischfang (hauptsächlich im Inari-See). Im Dorf wird viel Kunsthandwerk verkauft, das von Sámi hergestellt wird. Sámi sind aber auch Designer, Künstler und Musiker. Denn die Natur mit allen Sinnen zu erleben, ist ein großer Teil dessen, was sie ausmacht und in all ihren Lebensbereichen prägt. Die traditionelle samische Musik heißt „Yoik“ – und es gibt auch jüngere Künstler, die Musik machen und produzieren. Die Sámi singen unglaublich gern, in den Texten geht es oft um die Natur, aber es gibt auch einige Lieder zu politischen Themen. Zum Beispiel kämpft das Volk der Sámi noch immer darum, die gleichen Rechte zu bekommen wie alle anderen Einwohner Finnlands.

Die Besitzer von Nuorti Reindeer habe mit 40 Tieren eine vergleichsweise kleine Farm. Die ganze Familie und Freunde helfen bei der Führung des Betriebes. Der touristische Teil umfasst Besuche auf der Rentierfarm, vor allem im Winter, Rentierschlittenfahrten, Fütterung der Rentiere. Der andere Teil ist die Pflege der Rentiere: Nur etwa sieben Rentiere sind für die Touristen auf der Weide. Die anderen leben in den Wäldern Lapplands und müssen versorgt werden. Jedes Rentier in Lappland hat einen Besitzer.
In der Region um Inari-Saariselkä leben etwa 6000 Rentiere. Sie müssen mit Futter versorgt und gepflegt werden. Familie und Freunde wissen in der Regel, wo ihre Rentiere sind. Wem ein Tier gehört, ist an einer Markierung, einem Einschnitt im Ohr des Tieres, zu erkennen. Jede Farm hat eine eigene Markierung. Der Herbst ist für die Sámi, die Rentiere besitzen, die stressigste Zeit. Die Rentiere werden alle zu einem zentralen Registrierungszentrum gebracht, wo sie untersucht werden und wo über ihre Zukunft entschieden wird. Hart, aber wahr. Die stärksten werden in den Wald geschickt, da sie die besten Chancen haben zu überleben. Ein großer Teil der männlichen Jungtiere landet im Schlachthof. Ein anderer Teil bleibt auf den Farmen. Traditionell verwerten die Sámi alle Teile eines geschlachteten Rentiers. Sie nähen warme Wintermäntel (man braucht etwa fünf Rentierhäute, um einen Mantel für einen großen Mann herzustellen) und Schuhe, und aus den Knochen werden Kunsthandwerksprodukte hergestellt. Die Innereien werden alle verwertet. Eins mit der Natur zu sein – für die Sámi gehört auch das dazu.

Obwohl ich sehr wenig über die Lebensbedingungen indigener Völker etwa in Taiwan oder auf Hawaii weiß, bin ich überrascht, wie modern und angepasst das Leben der Sámi ist. Wenn sie sich um die Rentiere kümmern, benutzen sie Schneemobile. Mit Hubschraubern treiben sie die Tiere ein oder suchen nach ihnen. Die geführten Touren für Touristen sind eine massentaugliche Veranstaltung. Ich will das nicht verurteilen, denn ich finde es gut, dass die Sámi auf sich aufmerksam machen und gleichzeitig ihre Bevölkerung schützen wollen. Aufgrund ihrer geografischen Lage in Europa kann ich mir jedoch vorstellen, dass sie es einfacher haben, sich an wesentliche Lebensverhältnisse anzupassen als andere indigene Völker auf dieser Erde.
Für die rote Nase von Rentier Rudolph gibt es übrigens verschiedene Theorien. Wissenschaftler aus Norwegen glauben, dass es einfach besonders viele rote Blutkörperchen in der Nase hat. Das hilft ihm, die Körpertemperatur zu regulieren. Ziemlich unspannend, aber plausibel.
Über diesen Artikel: Diesen Text habe ich für das Seminar „Indigenous studies: Aging and Care in Indigenous Communities“ an der University of Helsinki geschrieben, da ich diese Rentierfarm besucht statt am Unterricht teilgenommen habe. Für den Blog habe ich ihn übersetzt, ein wenig leserlicher geschrieben und die Quellen zur besseren Lesbarkeit herausgenommen. Falls es euch interessiert, kann ich sie euch aber gern schicken.
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