Helsinki in einer Woche statt in einem halben Jahr: Wenn Winterstiefel auseinanderbröseln und das Bier so teuer ist, dass man arm wird. Ein Gastbeitrag von Paul König. Man erwarte keinen Qualitätsjournalismus – sagt er zumindest.
„Komm mich doch mal in Finnland besuchen.“
Ich musste verrückt sein. Welcher normale Mensch fliegt im Februar nach Finnland? Keine Urlaubszeit, fast kein Reiseanbieter will ein Hotel in dieser Zeit vermitteln, und es ist grässlich kalt. Aber: Manchmal muss man eben auch etwas machen, was nicht alle machen.
Samstag, 19. Februar: Der Tag davor
Ich muss definitiv verrückt sein. Das denke ich zumindest, als ich meinen Koffer packe. Was packt man für Finnland alles ein? Polarexpedition? Oder doch nichts anderes als für einen pfälzischen Winter? Der erreicht wohlgemerkt oft nicht einmal Minusgrade. Vicky hat mir ja eigentlich gesagt, was ich so brauche. Alles wieder vergessen. Kopf zu voll. Hauptsache weg von der Arbeit. Ah ja, Mütze und Handschuhe nicht vergessen, klingt logisch. Sie hat es nicht einmal, sondern zehnmal erwähnt. Winterschuhe habe ich noch aus meiner Schulzeit. Sie stehen seit ein paar Jahren im Schrank, morgen ziehe ich sie mal an. Aber zu klein werden sie wohl nicht sein. Terminal 1, Gate B10, LH850, Sitzplatz 6B. Schaffe ich.
Sonntag, 20. Februar: Es geht los
Startbereit, es geht los. Ab in den Zug, wenig später in Frankfurt am Flughafen, Kofferanhänger gedruckt, mein Koffer verschwindet. Ab zur Sicherheitskontrolle. Mit meinen alten Winterschuhen stiefle ich los.
Oh, ein Loch im Boden, ich sinke ein. Das ist ja gefährlich hier. Oh, und schon wieder eins? Moment mal. Das Loch ist nicht im Boden, sondern in der Schuhsohle. Nicht gut. Meine Turnschuhe fahren gerade in meinem Koffer durch den Untergrund des Flughafens. Also muss ich wohl noch mit ihnen klarkommen. Ab durch die Sicherheitskontrolle. Der Mann wundert sich nicht schlecht über meine Schuhe mit den großen Aussparungen. Sie müssen verdächtig gewirkt haben. Ausziehen bitte! Meine Erklärung ist mir selbst peinlich. Aber da muss ich jetzt durch. Bis zur Gepäckausgabe schaffe ich es bestimmt.
Gate B10 ist etwas versteckt, aber doch gut zu finden. Alle Flieger, die hier abgefertigt werden, fliegen in den Nordosten. Vicky meinte, die Flieger wären entspannt leer. Alle anderen sind das auch, aber meiner einfach gerammelt voll. So sitze ich eingeklemmt zwischen einem Riesen und einer rundlicheren, älteren Dame. Nach etwas über zwei Stunden landen wir in Helsinki-Vantaa. Meine Schuhe zerlegen sich auf dem Weg zum Gepäckband immer weiter, Brocken fallen aus den Latschen. Ich würde am liebsten im Boden versinken. Ab durch die Schengen-Tür, und auf die erstbeste Bank: Raus aus den kaputten Schuhen, rein in die Turnschuhe. Ich habe mich noch nie so gefreut, sie zu tragen.
Ich stelle fest: Schuhe mit intakter Sohle sind etwas Feines. Zweite Feststellung: Keine Chance, auch nur ein Wort der Ansagen auf finnisch zu verstehen. Auf schwedisch schon eher, aber es klingt, als ob die Produktpalette eines bekannten Möbelhauses angeboten wird.
Raus aus dem Zug, raus aus dem Hauptbahnhof. Neben mir stehen vier Hünen aus Stein, die beleuchtete Kugeln in der Hand halten. Neoklassizistisch, weiß Wikipedia zu berichten. Im Dunkeln hat das Ganze einen besonderen Reiz. Ab in die Stadt, aber: Wo ist denn das ganze Eis, von dem ich hier auf dem Blog lese? Sieht alles ganz sauber aus und kein bisschen nach Winter. Besonders kalt ist es auch nicht. Als ich durch die Innenstadt und zum Senatsplatz laufe, merke ich Eis ist durchaus da, und auf dem Marktplatz am Wasser nicht zu knapp. Aber ich bin vorbereitet. Werde ein Pinguin. Es muss fürchterlich aussehen, aber ich komme damit bis zum Hotel. Schickes Zimmer unterm Dach, kleines Fenster, aber schöner Blick auf den Südhafen. Was anstellen mit dem angebrochenen Abend? Ab in die Stadt und in eine kleine Bar. Bier für 7,20 Euro. Na, dann Prost und genießen! Die Stadt „feiert“ ein wenig: Finnland hat das Olympische Eishockey-Turnier gewonnen. Und: Winterschuhe braucht man heute Abend wirklich nicht. Ha! Gewonnen. Da spare ich mir das Einkaufen.
Montag, 21. Februar: finnlanderprobt
Auf dem Weg zu unserem Treffpunkt vorm Hauptbahnhof (bei den vier Herren von gestern Abend) gibt’s die Schönheit der Stadt nochmal bei Tageslicht. Turnschuhe sind passendes Schuhwerk. Haha! Geht also auch so. Vicky und ich machen uns auf eine große Tour an den Sehenswürdigkeiten der Stadt vorbei und dann einen Abstecher zum Kaffeetrinken in die Oodi-Bücherei, in der es allerhand zum „Ausleihen“ gibt. Die 3D-Drucker fand ich jetzt nicht wirklich verrückt, aber man kann sich hier ganze Räume „ausleihen“, beispielsweise ein komplettes Tonstudio. Verrückt!
Danach trennen sich unsere Wege: Vicky muss zum Finnischkurs. Es beginnt zu schneien. Für mich geht’s also zur Straßenbahn: Mit der Linie 2 und 3 kann man eine große Acht durch die Stadt fahren, um viele Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Einmal muss man dazu am Olympiastadion umsteigen. Da packt mich der Winter, ein absolutes Schneegestöber wirbelt auf. Kalte Füße habe ich auch. Jetzt wären die Winterschuhe auf einmal keine witzige Option, sondern eine Notwendigkeit. Na gut, also doch. Aber: Wo bekomme ich die am besten her? Ab ins Einkaufszentrum, am Hauptbahnhof gibt’s eins. Seltsamerweise kein Schuhladen dabei, also nächste Adresse. Fündig werde ich schließlich im Kamppi, einem riesigen Einkaufszentrum, aber nicht im Schuhladen, sondern im Sportladen. 130 Euro. Einmal Karte einstecken, piep, Transaktion erfolgreich. Habe mich noch nie so über neue Schuhe gefreut. Jetzt bin ich für alles vorbereitet. Ab in den Schnee damit!

Über den Autor: Paul ist 30, Studienrat mit den Fächern Mathematik, Physik und Informatik (auf gut Deutsch: Lehrer, für alle Fächer, die fast keiner mag), und Biertrinker. Normal schaut er in München vorbei, aber diesmal gab es das Bier im hohen Norden. Nächstes Mal bitte wieder im Süden, bei den Bierpreisen wird man arm!
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