Lappland brachte mich dazu, zur Hundefreundin zu werden. Oder vielleicht nur zur Huskyfreundin? Unser Bus-Abenteuer ging in die nächste Runde – zum Glück war ich aber nach dem vollgepackten Tag so fertig, dass ich diesen Höllentrip schadlos überstand.
Tag 5. Unser Lapplandabenteuer neigte sich dem Ende zu. Ich schreibe diesen Text mit inzwischen fast zwei Wochen Verzug und tue mir schwer damit. Das liegt nicht daran, dass ich mich nicht erinnern könnte, sondern, dass mir keine weiteren Superlative mehr einfallen. Unsere Stimmung am Freitag war kollektiv zwiegespalten: Einerseits hatten wir uns nun so richtig an Lappland, die Unterkunft in Vasatokka, die Sauna, die Polarlichter gewöhnt. Andererseits waren wir wohl alle froh, nach so vielen Ereignissen in fünf Tagen mal wieder ein bisschen Ruhe und unser eigenes Bett zu haben.
Und die Heimreise begann Freitag um acht Uhr morgens. Alle Aktivitäten heute lagen auf dem Heimweg, von Saariselkä ging es „gleich“ weiter. Mit all unserem Gepäck versammelten wir uns vor dem Bus. In Saariselkä sollten wir einen neuen bekommen. Gestern sagte man uns ja noch, der Schaltknüppel sei kaputt, geht nun scheinbar wieder. Dafür ging die Tür nicht mehr. Denn während wir alle mit unseren Koffern vor der Gepäckklappe warteten, war unser Busfahrer mit ein paar Mitreisenden beschäftigt, die Bustür aufzudrücken. Die ging nämlich nicht mehr automatisch auf. War wohl die Hydraulik kaputt, Wenn sonst nichts ist.
Wir fuhren also mit halb geöffneter Vordertür in einem stinkigen Bus mit viel zu engem Fußraum (meine arme Nebensitzerin Kaat musste ihre zu langen Beine leider im Gang ausstrecken) eine Stunde nach Vasatokka und dann weiter zur Huskyfarm mitten im Nirgendwo. Wir wurden von einem Hundekonzert begrüßt: fünfzig bellende Tiere, die sich wie 200 anhörten. So hatte ich mir wohl eine Huskyfarm in Lappland vorgestellt: eine große, schneeweiße Fläche mit vielen großen Hundekäfigen (oder heißen sie Zwinger, wenn sie im Freien sind? Entschuldigt, ich kenne mich wirklich nicht aus!), einem Bauwagen und ein paar herumstehenden Schlitten. Mehr Natur geht kaum. Selbst der Holzverschlag, der sich Toilette nannte, war nicht abschließbar.
Kaat und ich sollten den ersten Schlitten in der ersten Gruppe führen, direkt hinter dem Schneemobil des Huskyfarmbesitzers also. Wir sahen scheinbar aus wie die ultimativen Hundefreundinnen. Ausgerechnet ich, die nie ein Haustier besaß. Immerhin hatte ich keine Angst vor Hunden, das hätte gerade noch gefehlt. Erst kürzlich hatte ich eine SRF-Doku über eine Huskysafari geschaut (die ich sehr empfehlen kann!) – ich wusste also einigermaßen, was auf mich zukommt. Die Hundeschlitten waren schon vorbereitet für uns, als wir uns den Weg durch den Wald zu ihnen bahnten. Es war 10 Uhr morgens, die Hunde brauchten Auslauf – und hatten viel Energie. Sie bellten, sprangen, schnupperten. Jeweils fünf Hunde zogen einen Schlitten: zwei vorn, einer in der Mitte, zwei hinten.
Eine saß im Schlitten, eine steuerte ihn, indem sie sich auf die beiden Kufen stellte. Die Bremse war eine Klappe, die ich mit einem Fuß nach unten in den Schnee drückte. Und los! Eine der Huskyhüterinnen ließ die Leine, die um einen Baum gebunden war, los – die Huskys rannten sofort los. Von dem Impuls wurde ich beinahe vom Schlitten geschleudert. Ich klammerte mich an den Holzgriff, um nicht ins Gebüsch zu fallen und den Schlitten mitzureißen. Da rief es auch schon von vorn vom Schneemobil: „Break, break!“ What?! Was ist gebrochen? Aaah, Bremse! Wie nochmal? Ich sprang mit beiden Füßen auf den Bremsbügel, die Huskys wussten sofort Bescheid (gut, mussten sie auch), der Schlitten stand … beinahe. Mit einer Nasenspitze berührte einer der vorderen beiden Huskys vielleicht das Schneemobil. Aber vermutlich nicht. Jaja. Puh, gerade noch einmal gut gegangen. Leider hatte ich vergessen, für die nachfolgenden Schlitten Handzeichen zu geben, sodass es meinem Hintermann genauso ging wie mir und ich erschrak, als eine Huskynase an meinem Po schnüffelte.

Laaangsam runter von der Bremse, dachte ich. Die Huskys dachten: Nix wie los! Und schon klammerte ich mich wieder an den Schlitten. Kennt ihr den Fahrenden Ritter? Ich fühlte mich wie Harry, nachdem die ältere Frau mit dem Wägelchen die Straße überquert hatte. Die Hunde hechelten und rannten, als es ob es um ihr Leben ginge. So fühlt sich Geschwindigkeit also an. Besser gesagt: die Power von fünf Hunden. Unser mittlerer Husky wirkte ein bisschen verloren, wo doch die vier anderen den Schlitten quasi allein zogen. Wir fuhren einen kurvigen Waldweg bergab, ich ging ein wenig in die Hocke und nach rechts und links, um das Gewicht zu verlagern, sodass der Schlitten schön mittig fuhr. Langsam machte es richtig Spaß und ich ging komplett von der Bremse. Es fühlte sich wie ein tolles Team an: die Huskys und ich.
Da war es auch schon zu Ende. Auf halber Strecke bremsten wir erneut (diesmal hingen meine Huskys nicht am Schneemobil) und Kaat übernahm das Steuer, während ich die Fahrt genießen sollte. Den Schlitten zu lenken, gefiel mir besser – und die Hunde hinterher zu streicheln, auch. Alle Hunde auf der Farm hatten einen Namen, leider hatte ich vergessen, nach den Namen unserer fünf Huskys zu fragen. Dafür bedankte ich mich aber wenigstens später bei ihnen mit extra Streicheleinheiten. Manche mochten sie mehr, manche weniger. Wie bei Menschen auch. Die meisten waren nach den Schlittenausflügen froh um den kleinen Powernap, andere hätte problemlos noch ein paar Runden dranhängen können.
Ich sah mich um bei den anderen Huskys, denjenigen, die nicht mit uns auf Safari waren, sondern in den Käfigen blieben. Manche gelangweilt, manche aufgescheucht, andere schlafend. Da waren Harry, Meghan und Kate, Batman und Django, Rex, Beyoncé. Manche schwarz, viele braun, manche heller, andere dunkler, grau, weiß (davon aber nur wenige). Und vier Babys. Die kam ich aber nur kurz zu Gesicht, danach vergruben sie sich in ihrer Hütte und schliefen.
Ich hatte bei Huskys immer das Bild der sibirischen Huskys im Kopf: die schwarzen mit weißem Gesicht und leuchtend blauen Augen, ihr wisst schon. Die Lappland Huskys sahen anders aus. Vielfältiger. (Sagt mir gern, wie die Rasse heißt, ich konnte es nicht herausfinden!). Manche Tiere waren richtig lustig, stupsten mich mit der Nase an und wälzten sich auf dem Boden. Ich hätte noch Stunden hier bleiben können, es wurde nicht langweilig. Aber wir mussten. Weiter zu den Rentieren, zumindest für einen Teil von uns. Straffes Programm heute.
Rentiere auf einer Farm hatte ich schon im Nuuksio-Nationalpark gesehen. Ich war eher gespannt auf die Farm und alles, was wir über die Sami erfahren würden. Denn einer Sami-Familie gehörte diese Farm. Für ein Seminar über indigene Gemeinschaften sollte ich zudem einen Essay über das Zusammenleben von Menschen und Rentieren in Lappland schreiben (ich stelle ihn die Tage online).

In diesem Vorhaben wurde ich aber eher enttäuscht. Wir durften die Rentiere streicheln, mit getrocknetem Moos füttern und eine Runde in einem Rentierschlitten sitzen. Auf dem Gelände waren sieben Rentiere, die vor allem für die Besuchergruppen hier waren. Die anderen streiften durch die Wälder Lapplands. Etwa 40 Tiere hat die Farm. Unsere beiden Guides hatten traditionelle Sami-Gewänder und mächtige Fellhüte an, die mir ein wenig Angst machten. Ich hatte das Gefühl, sie könnten jeden Moment ein Schwert zücken. Einer von ihnen hatte ein sehr bleiches Gesicht und war noch sehr jung.
Er erzählte uns, dass Rentierfarmen hier fast immer Familienbetriebe sind und sich die Familienmitglieder täglich um die Tiere kümmern müssen, ihnen Futter bringen oder schauen, ob es ihnen gut geht. Manchmal müsse man kilometerweit in den Wald fahren, um ein Tier zu suchen. Ob es sich um das eigene Rentier handelt, erkennt man übrigens am Muster im Ohrläppchen. Kein Scherz: Jede Rentierfarm hat ihr eigenes Muster, das es sehr jungen Rentieren in die Ohren ritzt, um es wiederzuerkennen. Dafür gibt es sogar Karten, auf denen vermerkt ist, welches Zeichen schon vergeben ist.
Eine ferne Welt für mich, das Rentierbusiness in Lappland. Zugleich eine, über die ich – wie erwähnt – gern mehr erfahren hätte. Musste ich mir wohl selbst aneignen, oder wiederkommen. Das hatte ich ohnehin vor – im Sommer, wenn man endlich sieht, was sich unter den Schneemassen hier befindet.
Für unsere Heimreise geschah tatsächlich ein Wunder: Wir bekamen einen neuen Bus, bei dem alles einwandfrei funktionierte. Leider musste dafür eine andere Studigruppe mit unserem Schrottbus weiterfahren, ziemlich arme Schweine. Ich wechselte noch von der mit Huskyhaaren übersäten Schneehose in meine Jogginghose und versuchte, die nächsten 15 Stunden durchzuschlafen. Manchmal war es einfach von Vorteil, klein zu sein. Meine Nebensitzerin Kaat legte sich irgendwann, völlig entnervt, einfach in den Gang zum Schlafen. Bequemer, klar, aber risikobehafteter.
Von wild grölenden Spaniern fange ich hier lieber nicht mehr an, das ist ein eigenes Thema. Wie so viele andere Erlebnisse auf dieser Reise auch. Vielleicht werde ich noch ein paar Sachen in einen Artikeln aufgreifen. Denn: Lappland ist magic:)
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