The Bus is broken

Dass das Fahrzeug mal nicht vorwärts kommt, weil Schneemassen den Weg blockieren oder die Fahrt eine einzige Rutschpartie würde – in Lappland geschenkt. Bei uns gab der Bus ohne Wettereinflüsse auf. Aber hey: Dafür zeigte sich Aurora in voller Pracht!

Tag 4. Jetzt wird gesportelt! Es hat ironische Züge, dass ich extra nach Lappland fahre, um Langlaufen zu lernen, wo doch in München jeder, der einigermaßen geradeaus laufen kann, im Winter durch den Englischen Garten stochert. So schwer kann das doch nicht sein! Ein guter Freund schickte mir schon Tage vorher Bilder von Angela Merkel beim Langlauf. Ich musste wohl oder über daran denken, als ich mir die Schuhe an die Ski klipste und wollte jegliche Parallele vermeiden. Gut, dass ich keinen bunten Sweatpulli besaß.

Nach anfänglichen Koordinationsschwierigkeiten kam ich besser vorwärts als gedacht. Allerdings erinnerte meine Technik weniger an Skifahren als vielmehr an Skirennen. Joggen auf Ski quasi. Also: genau mein Ding. Die erste Runde durch den Wald war aber eher ein Watscheln im Gänsemarsch, alle hintereinander in der Loipe – und wenn ganz vorn jemand läuft, der langsam ist.. fällt man eben um. Ich war offenbar so gelangweilt, dass ich mich umgesehen hatte, ob Tiere zwischen den Bäumen lauern und unbemerkt aus der Spur ausgebrochen war. Leider keine gute Idee, denn ich verlor sofort das Gleichgewicht und fiel einfach seitlich um. Ohje, alle im Gänsemarsch und ich falle einfach um. Klar, war mit Sicherheit nur die Langeweile.

Während die meisten aus unserer Gänsemarschgruppe nach einer Runde (also drei Kilometern) aufgaben oder schlicht vor Langeweile starben, packte mich der Ehrgeiz. Da musste doch mehr dahinterstecken! Ich ergründe den Crosscountry-Ski (von querfeldein hatte das hier aber nichts). Also, los geht’s. Ich joggte los und merkte schon nach wenigen Metern, wie anstrengend das war. Meine Oberschenkel fühlten sich plötzlich an wie ein Sack Kartoffeln und ich schwitzte schön mein Mikrofasershirt voll. Die dicken Winterhandschuhe ließ ich vom Handgelenk baumeln. Wenn man sein eigenes Tempo wählen konnte, war es plötzlich gar nicht mehr so langweilig. Dennoch hatte ich das Gefühl, nicht wirklich von der Stelle zu kommen.

Völlig verschwitzt und außer Puste kam ich in der Wendeschleife bei unserem Langlauflehrer an. „How can I get faster?“, fragte ich ihn. Er schaute mich verdutzt an und erklärte mir dann, dass ich mit immer besserer Technik auch immer schneller werden würde. Mhm. Ich würde üben müssen. Der Englische Garten hat wohl eine „Sprinterin“ mehr ab kommendem Winter.

Trotz Minusgraden (es war mit etwa minus sechs Grad der mit Abstand kälteste Tag bisher in Vasatokka) hätte ich im T-Shirt herumlaufen können, so warm war mir. Ab unter die Dusche, dann weiter auf die Rentierfarm. Ich hatte heute volles Programm. Abend würde ich noch bei der Schneeschuhwanderung dabei sein. Das Problem: Wenn man sich mit 20 Leuten eine Dusche teilt, ist „mal eben schnell duschen“ einfach nicht drin. Zu viele entspannte Spanier*innen (entschuldigt, aber diese Beobachtung stimmte einfach!). Als ich mit Handtuch und Klamotten im Flur vor der Dusche kauerte, kam die Nachricht: „‼️IMPORTANT UPDATES‼️ Our bus is not moving, so reindeer farm is moved to tomorrow. Unfortunately we will not be able to visit the reindeer farm that was originally planned.

Our bus is not moving?! Eingefroren, Sprit ausgegangen oder ein betrunkener Busfahrer? Ich konnte mir nicht vorstellen, was der Grund für diese seltsame Nachricht sein könnte, war aber erst einmal froh, dass ich nicht so großen Stress hatte. Dann eben morgen auf die Rentierfarm.

Tja, von wegen morgen. Wenn du festsitzt, sitzt du fest. Ein paar unserer Mitreisenden hatten brandheiße Infos von unserer Tourguide: Unser Bus wurde ausgetauscht, unser ursprünglicher fuhr mit einer anderen Gruppe nach Norwegen und unser „neuer“ Bus sei kaputt. Ob sie bis zum nächsten Morgen einen neuen Bus auftreiben können, wusste niemand. Ob wir in Vasatokka also festsaßen? Wusste auch niemand. Dass der Bus wegen Glättegefahr mal nicht fuhr, okay, das passiert hier. Aber: Der Bus is broken? Ernsthaft? Hunderte Kilometer von allem entfernt, was auch zwei Beine hat und sich bewegt. Das durfte doch nicht wahr sein. Unsere Tourguide erklärte später: Der Schaltknüppel sei kaputt. Einen neuen gebe es hier in Lappland nicht. Ach nein, sieh an. Aber warum stellte man uns denn mitten in die Einöde einen kaputten Bus?! Nun gut, dann stecken wir hier eben fest. Hatte ich auch nichts dagegen. Gelassener werden.

Das versuchte ich zu beherzigen und freute mich auf die Schneeschuhwanderung am Abend. Zwar sind Schneeschuhe die vielleicht unnötigste Erfindung in der Menschheitsgeschichte, dafür sahen wir das krasseste Himmelsspektakel in dieser Woche. Anscheinend nicht nur in dieser Woche: Tanzende leuchtend grüne Wolken und Streifen, wie ein Vorhang, wie ein Patronus-Zauber (ich bin gespannt: Was ist euer Patronus?) hingen im Himmel und verteilten sich. Pure Magie! Wir alle standen nur staunend da unten auf der Erde und konnten nicht glauben, was sich da abspielte. Das vielleicht krasseste, was ich je gesehen habe. Jeder versuchte, dieses Wunder am Himmel mit der Kamera einzufangen, was ziemlich affig aussah.

Nur zugeschnitten, nicht bearbeitet 🙂 Sieht trotzdem nicht so mächtig aus wie in Wirklichkeit. Foto: vk

Die Schneeschuhe waren nun alle nicht mehr so wirklich wichtig für uns, Aurora hatte uns in ihren Bann gezogen! Michaela, unsere Tourguide, gab auf, mit uns eine GPS-Schatzsuche durch den Wald mit den Schneeschuhen zu machen. Stattdessen liefen wir scheinbar ziellos durch den Tiefschnee (ich sank immer noch knapp 30 Zentimeter ein und fand auch nur alles ansatzweise Laufen anstrengend in diesen Teilen). Alle paar Meter hielten wir bei der nächsten Lichtung im Wald an und hielten Ausschau nach den Polarlichtern, die sich allerdings verzogen hatten. Ein paar blassgrün schimmernde Flecken am Himmel, ganz leicht, mehr nicht. Das war’s. Mal schauen, ob wir am nächsten Tag mit dem Bus fahren konnten.


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