Einmal ans Ende der Welt

Endlich Berge, Meer, ein traumhafter Ausblick! Moment mal – doch nicht in Finnland?! Wir fuhren dafür nach Norwegen, ans nördlichste Ende. Dass wir in einem anderen Land waren, merkten wir sofort.

Tag 3. In Vasatokka, unserer lappischen Destination, reicht der Ausblick meist nur bis zum nächsten Wald. Drei Stunden Autofahrt im finnischen Lappland – drei Stunden Bäume und eingeschneite Straße. Und Rentiere, natürlich. Sie liegen oder stehen plötzlich vor dir auf der Straße (Achtung, Allradantrieb und gute Bremsen sind von Vorteil), sie hüpfen und rennen neben dir her (können bis zu 50 km/h schnell werden) oder tingeln durchs Gebüsch. Für Einheimische in Lappland sind Rentiere nun wirklich so besonders wie für uns ein Hase im Wald (obwohl: Wann seh‘ ich mal einen Hasen im Wald?!).

Die Fahrt nach Norwegen mit dem Namen „Arctic Ocean Tour“ hatte ich in letzter Sekunde dazugebucht, als mir aufgefallen ist, dass ich sonst den kompletten Mittwoch frei gehabt hätte. Ich hatte also keine Ahnung – und wurde überwältigt.

Die Busfahrt nach Norwegen dauerte rund drei Stunden – aber hey, wir waren ja bereits erprobt. Nachdem wir die ersten anderthalb Stunden nur einen Baumstamm nach dem nächsten angestarrt hatten, passierten wir die Grenze, die aus einem Häuschen bestand, in dem niemand saß. Und plötzlich war alles anders. Wie in einem Zeichentrickfilm, in dem man auf die magische andere Seite gezogen wird: Plötzlich waren da keine Bäume mehr (Rentiere schon, wie wir später feststellten), sondern Berge. Ja, tatsächlich weiß bestäubte Bäume und Seen dazwischen. Ich wusste nicht viel über Norwegen, aber diese Landschaft passte hier her.

Die Sauna war direkt am Meer und sah von außen aus wie ein Container, der auf dem Weg in den Hamburger Hafen verloren ging. Also: Nicht schön, aber sie erfüllt ihren Zweck, nämlich: Sie steht direkt am Wasser. Wir hingen etwa zu vierzigst in dieser Sauna ab und der Besitzer hatte sichtlich Spaß, uns mit Schnee von draußen abzuwerfen, die Sauna am Ende so sehr aufzuheizen, dass meine Ohren glühten, und er liebte klare Ansagen. Kein Alkohol in der Sauna. Okay, dann gab es den Jägermeister eben vor der Sauna (nicht für mich, aber für einige andere).

Das Wasser war zwei Grad kalt, aber nachdem man zehn Minuten in seinem eigenen Schweiß vor sich hin vegetiert hat, sehnte man sich danach. Ernsthaft! Nachdem man knietief im Eiswasser steht, dachte ich natürlich schon wieder anders. War ich denn völlig bekloppt? Mein Wasserhahn daheim schafft es nicht auf diese Temperatur und ich soll hierin schwimmen?

Challenge accepted. Ich ging weiter hinein, quiekte auf, einerseits wegen der Kälte, andererseits wegen der Steine am Boden. Dann kurz in die Hocke, aber mehr als nasse Schultern konnte ich mir nicht antun. Schnell wieder raus! Mein Beine spürte ich schon nicht mehr, sie waren knallrot. Da pumpte gerade einiges in meinem Körper. Doch als ich das wieder am Strand war, merkte ich das alles nicht mehr, vor allem merkte ich die Kälte nicht mehr. Ich konnte fröhlich langsam zur Sauna zurücklatschen, ohne dass mir bei minus zwei Grad Außentemperatur kalt gewesen wäre. Beim letzten Gang ins Meer schaffte ich es dann auch endlich, ein paar Meter zu schwimmen. Herrlich!

Wir fuhren weiter ins nächste Dorf, das Fischerdörfchen Bugøynes, das am nordöstlichen Ende Norwegens liegt. Direkt an der Barentsee (das hab ich gegoogelt, ich gebe es zu). Von dort aus ist es verhältnismäßig nah zum Polarmeer und vor allem zu Russland. Es ist also wirklich am Ende. Laut Google wohnen in diesem Örtchen 230 Menschen, unser Bugøynes-Guru, aka Fischsuppenmaster, der Besitzer des Bistro (des einzigen Lokals hier weit und breit) sprach von 130 Menschen – und es werden stetig weniger. Nur noch 15 Kinder gehen hier zur Schule.

Überhaupt sieht es so aus, als würde dieses kleine Fischerdorf bald aussterben, wenn nicht weiterhin zuverlässig Touristenbusse den Laden am Laufen halten – und sich manche hier vielleicht niederlassen? Zumindest war das der fromme Wunsch des Fischsuppenmasters, den ihm von uns wohl keiner erfüllen wird. Denn: Keine Anbindung ans öffentliche Leben (hier fährt nicht einmal ein Bus her), keine Kneipen (bis auf das Bistro!), keine Polizei, kein Krankenhaus weit und breit. Da muss schon der Helikopter anrücken – oder man trifft sich auf halber Strecke, kein Scherz.

Berge, Schnee und der Ozean: Was da am Ende wohl kommt? Foto: vk

Was die Fischsuppe noch übertrumpfte: der Ausblick! Der Blick auf den Ozean, ein paar in weiß gehüllte Felsen an den Seiten und in der Ferne, ein wolkenverhangener Himmel. Wenn ich jetzt losschwimmen würde, würde ich entweder in Russland an Land gehen (eher gar keine gute Idee gerade) oder ewig weiterschwimmen.

Wenn ich nicht zuvor erfroren wäre, würden mir noch ein paar Delfine begegnen! Ja, die haben wir tatsächlich auf dem Heimweg gesehen. Während wir an der Küste entlang gefahren sind und in den Felsen ein paar Rentiere entdeckten, sprang recht nah an der Küste eine Herde Delfine gen Osten. Das hatte noch nicht einmal unsere Tourguide hier je gesehen. Wie wundervoll. Für mich als Delfinliebhaberin ein Glücksmoment am Ende der Welt.


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