Nur fliegen ist langsamer

Wer in Finnland im Winter joggen gehen möchte, braucht viel Geduld, gepolsterte Hosen oder Spikes. Vielleicht auch alles drei. Sonst ist Slapstick vorprogrammiert.

Es war wirklich wie im Film. Es regnete, schneite, regnete, schneite. Das passiert hier manchmal. Meine Mama wusste schon, warum sie mir sagte, ich soll bei diesem Wetter (ja, ich gebe oft per WhatsApp den Wetterbericht durch) lieber nicht laufen gehen. „Es ist glatt! Das ist gefährlich!“. Natürlich ging ich trotzdem. Mir kann schließlich keiner etwas vormachen.

Doch. Definitiv. Ich ließ die Tür hinter mir ins Schloss fallen, genoss den standardmäßigen (eisigen) Windstoß, hoppelte die drei Stufen hinunter auf den Gehweg, drückte bei Strava auf „Start“ und lief los. Es waren mit Sicherheit weniger als zehn Schritte, die ich gelaufen bin. Ich merkte gleich, dass ich rutschte, wenn ich meinen Fußballen vom Boden wegdrückte. Ah, ein Eisberg! Zwar nur ein Mikroeisberg, aber die Eis-Anhäufung genügte, um mir den Fuß vom Boden wegzureißen. Ich ruderte, sah noch den Mann mit Kinderwagen auf der anderen Straßenseite und dann lag ich da.

Ich richtete mich auf, lächelte, aus lauter Verlegenheit, weil ich am liebsten sofort im Boden versinken wollte und wollte aufstehen. Ich rutschte mit dem Fuß wieder weg und landete sofort wieder auf dem Po. In diesem Moment kam auch schon der Mann mit dem Kinderwagen angerollt und fragte, ob alles Okay sei. Zumindest vermute ich, dass er das gefragt hat (was sollte er sonst fragen?!). Ich lächelte weiter und sagte „No, no, no“ – völlig außer Atem – während ich weiter versuchte, hochzukommen. Hätte sich jetzt nicht einfach ein riesiger Eisberg vor mir auftun können?

Gut, ich muss zugeben: Dieser witzige kleine und völlig harmlose Vorfall war bislang das schlimmste Jogging-Ereignis, das mir hier bisher widerfahren ist. Ich muss aber zugeben: Ich frage mich bei fast jedem Lauf, wann mir das wieder passiert. Bevor ich herkam, ging ich davon aus, bis einschließlich März wegen der Kälte und Dunkelheit gar nicht laufen gehen zu können. Mit beidem komme ich bisher aber gut klar. Es ist einzig die Bodenbeschaffenheit, die mir zu schaffen macht.

Also Watschelgang, ich habe nach drei Wochen in Helsinki ja Erfahrung damit. Pinguinwatscheln und Rennen gleichzeitig – da kommt eine seltsame Mischung aus Hinken, ganz kleinen tapsigen Schritten und viel Armarbeit zusammen. Das Gleichgewicht zu halten ist gar nicht so einfach. In Deutschland war ich nie laufen, wenn der Boden vereist war. Hier an der Bucht von Hietaniemi scheint es das Normalste der Welt zu sein.

Wie machen das nur alle?! Die anderen Läufer*innen um mich herum (es sind oft dieselben Leute, die hier joggen) scheinen gar nicht zu bemerken, dass der Boden unter ihren Füßen spiegelglatt ist. Ich hatte Spikes im Verdacht und legte mich auf die Lauer. Blieb stehen und schaute manchen von ihnen ganz genau beim Laufen zu. Sie kamen mit dem ganzen Fuß auf, waren häufig langsam unterwegs und hatten eine extrem gute Körperkontrolle. Hilfsmittel hat keine*r.

Vielleicht erforderte es einfach nur Übung. Also machte ich es ihnen nach und lief noch langsamer, als ich es ohnehin schon tat. Meine schönen 5:30er Zeiten an der Isar musste ich schnell vergessen. Hier schaffte ich selbst ohne Eis kaum eine 6er Pace. Noch langsamer würde ich nur sein, wenn ich hinfalle. Um nicht im Krankenhaus zu enden, nehme ich auch 6:30er Zeiten gern in Kauf.

Stapfen durch den Tiefschnee: Ist zwar langsam, aber nicht so gefährlich. (Foto: vk)

Zu Eis gesellte sich am Wochenende eine neue, ultimative Hürde. Sie machte das Laufen noch langsamer: viel Schnee. Besser gesagt: Tiefschnee. Nach einem denkwürdigen Schneesturm am Samstagabend ging ich ahnungslos am Sonntagmorgen für eine Runde nach draußen. Ich kam nicht weit, denn die Räumfahrzeuge hatten die Gehwege erst noch vor sich. Nach wenigen Metern, die ich knietief durch den Schnee stapfte, kapitulierte ich und lief den Weg wieder heim. Auch das gehörte hier dazu.

Die vergangenen Tage waren eine Mischung aus Eis und Schnee, außen (Räumfahrzeuge schaufeln den Schnee hier immer auf eine Seite des Gehwegs, wo es sich dann türmt) versank ich, in der Mitte rutschte ich. Dennoch: Die sechs Kilometer lange Runde am Morgen tut echt gut, stärkt das Immunsystem, heitert mich auf und gibt mir eine traumhafte Kulisse. An die 6:30er werde ich mich schon noch gewöhnen.


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