Urmel auf dem Eis

Eislaufen könnte wohl finnischer nicht sein. Denn was sonst macht man bitteschön, wenn alle Gewässer im Winter zugefroren sind? Wären da nicht diese tückischen Schuhe.

In Tapiola kann man vor märchenhafter Kulisse Eislaufen. (Quelle: vk)

Diese Schuhe sahen aus, als würden 50 Jahre Leben in ihnen stecken, mit allem drum und dran. Nicht nur Menschen, die sich mit ihrem ganzen Körpergewicht auf sie gestellt und damit Spuren in tausende Kilometer Eis gefahren sind, das Leder über Jahre hinweg ausgeleiert haben. Sicher haben sich auch ein paar Mäuse oder Motten in der Kammer eingenistet, in der die Stiefel das Jahr über gelagert sind. Das war mir egal, ich war begeistert von der Ästhetik der Schuhe.

Ich erinnere mich an Ausflüge in der Grundschule in die Eislaufhalle, als ich die weißen alten Kunstlaufstiefel schnürte und mich wahnsinnig freute, als ich drei Meter halbwegs geradeaus laufen konnte. Leider gingen die Schuhe schnell kaputt, ich wechselte auf Eishockeyschuhe und blieb ihnen treu.

Bis jetzt, als ich im Tapiola Eispark diese Dinger in die Hand gedrückt bekam, fünf Euro Leihgebühr bezahlte und mich in die Fluten wagte. Die Eisfläche bestand aus einem Ring, der sich um einen großen, beleuchteten Tannenbaum zog, riesige Schneeberge markierten die äußeren Enden der Bahn. Im Gegensatz zu deutschen künstlichen Eisbahnen, die meist auf einer rechteckigen Fläche sehr eben und für Anfänger gut befahrbar sind, war die Eisfläche in Tapiola uneben und durchzogen von vielen Furchen, kleinen Hügeln, Schneetürmen.

Mit den Kunstlaufstiefeln fühlte ich mich wie auf rohen Eiern (sorry für die Floskel). In meinen Eishockeytretern stand ich stabil und war gegen alles geschützt. Ich konnte also munter wie ein Rowdy losrennen, fallen war fast eine Herausforderung. Hier spürte ich alles: Es fühlt sich an wie ein Hausschuh auf Kufen. Ich merkte jede Unebenheit auf dem Boden und mein verkrampfter Fuß zuckte. Mit Ästhetik hatte das nichts zu tun.

Also gut, erste Runde, leicht nach vorn gebeugt, die Arme von mir gestreckt. Glücklicherweise ging es den meisten, mit denen ich unterwegs war, ähnlich (okay, eine ehemalige Eiskunstläuferin war auch dabei. Es musste herrlich anzuschauen gewesen sein für sie). So watschelten wir Meter um Meter vorwärts. Leider gab es keine Pinguine zum Festhalten, nur ein wenig schönes Eisengestänge.

Ästhetische Hausschuhe mit Kufen. (Foto: vk)

Aber es ging auch so und wurde Runde für Runde besser. Zwar hatte ich durchgehend das Gefühl, zur Seite wegzubrechen und ruderte immer wieder panisch mit den Armen, doch ich passte meinen Stil an und trampelte straight nach vorn. Währenddessen bestaunte ich all die fantastischen Eisläufer*innen um mich herum. Espoo – die Kleinstadt nahe Helsinki, in der wir uns befanden – musste wahnsinnig viele von ihnen haben. Alle anderen Menschen um mich herum fuhren schnell, sicher und elegant.

Es ist ja auch so einfach für sie: Eislaufen kostet nichts, die Flächen sind bis 9 Uhr abends geöffnet, statt einer Spazierrunde gibt es da eine Runde auf dem Eis. Schuhe können im Spind eingeschlossen werden und wer keine Lust mehr hat, trinkt eine heiße Schokolade im selben Raum, in dem man die Schuhe leihen kann. Noch ein paar Bänke draußen auf der Veranda, mehr ist da nicht. Es ist gemütlich und unter der Woche nicht überlaufen. So gemütlich, dass ich wohl wieder herkommen werde.

Schließlich will ich auf diesen grazilen Schuhen nicht aussehen wie ein tapsendes Urmel. Challenge accepted.

Tapiola Ice Garden, geöffnet täglich von 10 bis 21 Uhr, hier gibt’s alle Infos.


Entdecke mehr von victoriakunzmann

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten