Bevor ich mich in den Norden aufmachte, wusste ich nicht viel über Helsinki. Auch nicht viel über Finnland, aber über das Land schon ein wenig mehr. Ich kam also ohne große Erwartungen und kann schon allein deshalb nicht enttäuscht werden. Andere schon.
Wirklich viele Besonderheiten hat Helsinki also offenbar nicht. Als ich gestern mit einer Gruppe anderer Austauschstudenten eine vom Erasmus-Netzwerk geführte Stadttour durch Helsinki unternahm, erzählten die beiden Tutor*innen, dass viele Tourist*innen, die in die Stadt kommen, wahnsinnig enttäuscht sind. Keine historische Altstadt, keine Wahnsinns-Sehenswürdigkeit. Stattdessen: viele ältere Backsteingebäude, Fabriken am Stadtrand, moderne, gläserne Würfel im Stadtinneren. Wenig historischer Charme also, wenig vorhersehbare (natürlich spektakuläre) Aussichtspunkte und in ganz Europa bekannte Sehenswürdigkeiten.
Ich muss an dieser Stelle meine neue Stadt ein wenig verteidigen – und das, obwohl ich sie selbst erst seit fünf Tagen (und dadurch nur sehr wenig) kenne. Aber: Warum soll eine Stadt langweilig oder hässlich sein, nur weil sie anders ist, als typische europäische (Haupt-)Städte?
Helsinkis Anderssein hängt mit seiner Historie zusammen, denn die Stadt war in den vergangenen Jahrhunderten zuerst unter schwedischer Hand – wurde sogar erst durch Initiative des schwedischen Königs gegründet – und stand später unter russischer Herrschaft. Das erklärt die vielen Backsteingebäude, alle russisch geprägt, und Schwedisch als zweite Amtssprache. Letzteres ist übrigens sehr praktisch für Deutsche, die kein Wort finnisch verstehen. Schwedisch ist sehr viel leichter zu verstehen;)

Zumindest unter diesem historischen Gesichtspunkt ist Helsinki schon sehr interessant. Und vielleicht entsteht der Charme dieser Stadt ja auch gar nicht durch eine historische Altstadt. Sondern durch den wirklich außergewöhnlichen Aufbau mit seinen Halbinseln, vielen Hafen- und auch Strandabschnitten, einer Festung auf einer Insel vor der Stadt. Aber auch durch die finnischen Eigenheiten wie die vielen Saunen in der Stadt, Menschen, die mal eben aus der Sauna ins eiskalte Wasser am nächstgelegenen Hafen hüpfen? Durch seine unglaublichen Investitionen in Bildung (schaut euch nur die Oodi Library an!) und die charmanten Second-Hand-Läden.
Ihr seht: All das fällt mir spontan nach ein paar Tagen ein. So schlecht kann es hier also nicht sein. Und all die Dinge werde ich in den nächsten Wochen auch noch ausführlicher beschreiben.
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